Die Arbeitsweise der Journaille am Beispiel Wulff

Die Journaille bringt mal wieder nichts besseres als einen Pseudo-Skandal hochzukochen. Sie „drehen das Thema weiter“ und gehen ins Detail, ob oder wie groß der finanzielle Vorteil des Privatkredits der Familie Geerkens für Wulff war.

Da die meisten Journalisten kaum Ahnung von Finanzen haben, gehen sie „Experten“ auf dem Leim, die man als Journalist gerne zitiert, um in Wirklichkeit seine eigene Meinung zu einem Thema zu transportieren. 
Die FAZ beruft sich auf den Zinsradar von Interhyp und den Bankenverband, um „festzustellen“, dass der Zinssatz für den Privatkredit damals sogar ungewöhnlich teuer gewesen sei und Wulff bei Banken besser weggekommen wäre.

Focus.de schmeißt sich an den Kölner Finanzrechtler Uwe Diekmann ran, der dann brav von 20.000 Euro Zinsvorteil für Wulff schwadroniert. Dieser „Finanzexperte“ stellt die unsinnige Behauptung auf, der marktübliche Zins hätte 8-10 Prozent betragen müssen. Dabei hatte die EZB den Zinssatz im Zuge der Finanzkrise massiv gesenkt. Nur Schwachmaten können glauben, dass Banken einem Ministerpräsidenten keinen günstigen Kredit für den Immobilienkauf anbieten würden. Zudem hatte im Oktober 2008 vor allem die Familie Geerkens von dem Zinssatz von 4 Prozent profitiert. Zur Erinnerung: Damals standen wir auch in Deutschland vor einem Bankrun. Das Bankensystem drohte zusammenzubrechen.
Was ist sicherer für Geerkens als in einer solchen Situation einem Ministerpräsidenten Geld für den Kauf eines Sachwertes zu geben, einer Immobilie.
Die 500.000 Euro wären z.B. bei einer Commerzbank nur zum geringen Teil abgesichert gewesen, hätte der Staat bei der Bankenrettung größere Fehler gemacht. Doch soweit können/wollen Journalisten nicht denken, wenn sie Schlagzeilen produzieren möchten. Vorteilnahme im Amt konnte noch kein Schreiberling durch Recherchen in diesem Fall nachweisen. Solange hätten sich seriös arbeitende Journalisten die S-1-Schlagzeilen verkniffen.

Das Handelsblatt und die Wirtschaftswoche schreiben im Titel übrigens von tumultartigen Szenen (Quelle: Handelsblatt) bei einem Wulff Auftritt in Berlin anlässlich der Wiedereröffnung der Gedächtniskirche. Normalerweise denken die meisten Leser wohl zuerst an linke Gruppierungen, die Randale machen wollen und dem CDU-Mann Wulff zu enge Verquickung mit Wirtschaftsmenschen unterstellen.
Aber nein. Es sind Journalisten, die mit lauten Schreien (so stellen manche Fragen) und Bedrängen des Bundespräsidenten für die tumultartigen Szenen sorgten. Danach haben sie dann selbsterzeugtes Material für ihre Skandal-Schlagzeilen. Prost Malzeit, armes Medien-Deutschland.

Jämmerlicher Präsident – noch jämmerlicherer Journalismus

 

Wie farblos dieser Bundespräsident Christian Wulff ist, zeigt sein mangelndes Selbstbewusstsein im Umgang mit dem Kredit der Frau eines väterlichen Freundes (so die erste Information), dem der Bundespräsident damit ebenfalls einen Gefallen tat. Denn in Zeiten der Finanzkrise mit historisch niedrigen Zinsen hätte der Unternehmer Geerkens von keiner Bank vier Prozent Zinsen für sein Geld bekommen. Wulff zahlte diese vier Prozent und bekam im Gegenzug damit einen Kredit, der etwas unter den Marktkonditionen für Normalsterbliche lag. Vielleicht hätte er sogar als Ministerpräsident den gleichen niedrigen Zinssatz von einer Bank bekommen. Aber er hatte ja den väterlichen Freund.

Dass dieser heute dem Spiegel erzählt, nicht seine Frau, sondern er habe in Wirklichkeit den Betrag von 500.000 Euro an den damaligen Ministerpräsidenten Christian Wulff vergeben, lässt die Freundschaft nun wieder etwas weniger freundschaftlich aussehen. Doch vielleicht ärgerte sich Unternehmer Geerkens nur, dass Wulff nicht die Mut hat, zu diesem völlig harmlosen Kreditgeschäft in aller Öffentlichkeit zu stehen.

Was hat das nun mit der Jämmerlichkeit des deutschen Journalismus zu tun? Gleichzeitig zur Debatte um den vorpräsidialen Kreditdeal, droht die Partei unterzugehen, die in der Bundesrepublik 48 Jahre lang mitregierte, die FDP. Der Generalsekretär Christian Lindner hatte völlig überraschend das Handtuch geworfen. Was steht am folgenden Nachrichtentag überrall auf Seite 1 der Zeitungen? Präsidentenbashing. Obwohl zu diesem Zeitpunkt noch die Frau des Unternehmers Kreditgeberin war, was für Journalisten offenbar einen großen Unterschied ausmacht. So als ob Frau und Herr Geerkens nicht miteinander sprechen würden.
Gleichzeitig vergleichen einige Journalisten den „Fall“ Wulff mit Johannes Rau, der als langjähriger Ministerpräsident nun wirklich bis zum Hals im NRW-Filz steckte. Von Wulff sind bis dato keinerlei derartige Verstrickungen bekannt. Dennoch lassen sich einige Schreiberlinge dazu herab unterschiedlichste Fälle fast gleichzusetzen, wo himmelweite Unterschiede festzustellen sind. Die FDP interessiert die Herren Journalisten auf der Titelseite schon weniger. Für Zeitungen, die auf so billige Weise offensichtlich ihre Auflage steigern wollen, werden sich hoffentlich ebenfalls immer weniger zahlende Leser interessieren. Anstatt Wulff massiv für seine blasses, inhaltsleeres Gelabere in Zeiten der größten Finanzkrise seit den 20er Jahren zu kritisieren, die das europäische Einheitsprojekt zu zerstören droht, sabbern Journalisten wegen eines 500.000-Euro-Häuschenkredits rum.

Journalismus in 10 Jahren

Wie kann oder sollte Journalismus in zehn Jahren aussehen? Noch gibt es fast 200 Redaktionsmannschaften, die einen eigenen Mantel, den nicht-lokalen Teil einer Zeitung, für eines oder mehrere Blätter eines regionalen oder überregionalen Verlags in Deutschland produzieren und letztlich mit Gewinn verkaufen müssen. Das wenigste wird dabei selbst noch recherchiert. Etwa 70 Prozent manchmal auch 100 Prozent des Zeitungsinhaltes besteht aus Agenturmeldungen, vor allem von der dpa.

Hat diese Art von Journalismus noch eine Chance?
Im Zeitalter des Internets bekommt man Agenturmeldungen auch ohne Redaktionsteams direkt im Internet z.B. auf welt.de oder sueddeutsche.de angeboten, was dpa-Meldungen anbetrifft. AFP-Agenturmeldungen findet der rationale Leser auf yahoo.de in der Nachrichtenrubrik.

Während Heerscharen von Medienmachern mit der Verwurstung von Agenturmeldungen beschäftigt sind, tauchen in deutschen Medien kaum fundierte Meldungen aus unseren Nachbarländern wie Frankreich und Polen auf. Zumindest Kenner der Länder können nur über die Berichterstattung auch großer überregionaler Zeitungen zu diesen Ländern lachen. Doch von nichts kommt eben nichts. Anstatt dutzende von Redaktionen damit zu beschäftigen, die immer gleichen Agenturmeldungen nur geringfügig verändert für die Leser zu verpacken, sollte man die Mantelproduktion stärker konzentrieren.

Der Leser ist nicht so dumm, für wie ihn mancher Verlag hält. Ewig widergekäutes, wenig Originelles erkennt er intuitiv. Das Fehlen wichtiger gesellschaftlicher Entwicklung z.B. das Grundeinkommen für alle ode die Bagatellisierung von Problemen wie Lobbyeinflüssen – um nur zwei kritische Punkte anzusprechen – hat sich in der Bevölkerung schon längst rumgesprochen oder hat sich als common sense unberbewust in als mulmiges Gefühl breit gemacht. Nur in den gemütlichen Redaktionsstuben scheint das noch nicht angekommen zu sein.

Den Grips und die Arbeitszeit der Journalisten könnten die Verlage statt in die Agentur-Verwertungsmaschine in mehr eigenrecherchierte Themen investieren und vorher endlich in die Weiterbildung etablierter Journalisten, für die Blogs und Feed-Reader häufig noch Fremdwörter sind. Zumindest fehlt vielen von ihnen der Umgang mit neuen technischen Entwicklungen.

Unter-30-Jährige werden kaum mehr von den althergebrachten Zeitungen angesprochen und erreicht. Sobald kleine handliche und faltbare Elektronische Lesegeräte als Elektropapier auf dem Markt etabliert sind, könnte es für einige Papierprodukte sehr schwierig werden, im medialen Überlebenskampf zu bestehen. Dazu und für andere elektronische Medienangebote in Text, Ton und Bewegtbild müssen zukünftig ständig mehr Journalisten zuarbeiten. Es gibt also etwas zu lernen für Journalisten, die nicht auf der Strecke bleiben wollen und sich ihre Neugier und Kreativität bewahrt haben.

Für die Medien als vierte Gewalt mit ihren Auftrag, das „Sturmgeschütz der Demokratie“ zu verkörpern, diese zu schützen und zu bewahren, ist es letztlich nicht relevant, in welcher Form die nachrichtlichen Inhalte, Reportagen und Interviews den Empfänger erreichen. Daher wird es wie in allen Bereichen auch im Journalismus auf eine stärkere Arbeitsteilung hinauslaufen.

Im Extremfall spezialisieren sich Journalisten in die Gebiete Themenfinder, Rechercheexperten mit reinem Festhalten der recherchierten Inhalte in Ton, Bild oder Text und in die Endverwerter je nach Verbreitungsform – Zeitung, Radio, Fernsehen, Internet. Über den Gesamtprozess „wachen“ die redaktionell tätigen Journalisten.

Das findet alles nicht mehr aussschließlich im Verlagshaus statt, sondern existiert zunehmend als Netzwerk von wenigen Festangestellten, festen Freien und den selbständig Freien, die ihre Themen den verschiedenen Produktionsnetzwerken anbieten oder Bestellungen der Netzwerke annehmen.

Spezialisierung bedeutet hier nicht, dass ein Journalist nur in einem eng abgegrenzten Bereich tätig sein wird. Er kann je nach Ehrgeiz und Weiterbildungsbegeisterung in verschiedenen Bereichen aktiv werden, allerdings immer nur bei ausreichend hoher Qualität seiner Arbeitsergebnisse. Den Hans-Dampf in allen Gassen wird es auf Grund der technischen Komplexität nicht häufig geben.

Für die Gesellschaft ist es entscheidend, dass auch in Zukunft Journalisten den Antrieb zum investigativen Arbeiten in sich tragen und dass sie nicht den Politikern mit ihren Medienprofis im Hintergrund unhinterfragt die Themen vorgeben lassen.

Der Renditegier begleitet von radikalen Sparmaßnahmen zur bloßen Pseudo-Nachrichtenproduktion zwischen dem Anzeigengeschäft der Verlage gehört sicher nicht die Zukunft. Hier dürfen sich die Medienmanager an den vielen mittelständischen Familienfirmen orientieren, die Weltmarktführer im jeweiligen Bereich sind: Nur Qualität und Innovation wird langfristig von den Medienkonsumenten aktzeptiert und bringt dann auch gute Renditen. Phantasielose Rationalisierer unter den Verlagen werden untergehen oder von größeren und vor allem besseren geschluckt werden – vielleicht ist das dann ein Glücksfall für die Demokratie.

Miserabler Meinungsjournalismus in den Tagesthemen

Wie sachlich neutral berichten die Medien über aktuelle Wahlkämpfe? Die Tagesthemen scheinen eine unterschwellige Kampagne gegen die CDU zu fahren. Der von 17 Unionspolitikern unterschriebene offene Brief in der „Zeit“ sei ein durchsichtiges Wahlmanöver, sagt die Moderatorin gleich zu beginn scheinbar sachlich, ohne dass dies als eindeutiger Kommentar gekennzeichnet wird.
Ole von Beust wird unterstellt, dass er es nicht ehrlich meint, wenn er mitunterschreibt, Ausländerpolitik dürfe nicht zum Wahlkampfthema degradiert werden.

Mit höchster Wahrscheinlichkeit dürften sich auch die Tagesthemen dem Medienchor angeschlossen haben, der Ex-Minister Clement wegen seiner Äußerung der hessischen SPD gegenüber kritisierte, er sei illoyal gegenüber seiner eigenen Parte. Dennoch wirft man nun den CDU-Briefunterschreibern vor, sich nicht im hessischen Wahlkampf gegen den Parteifreund Koch gestellt zu haben.

Fehlt hier beim Tagesthemen-Team jeder gesunder Menschenverstand oder will man nun in Hamburg der SPD Stimmen zutreiben, indem man der CDU und Ole von Beust Dinge unterstellt, ohne dafür sachliche Begründungen mitzuliefern? Bereits die Aussagen Kochs zur Kriminalität von Kindern unter 14 Jahren in der „Bild am Sonntag“ wurden von zahlreichen Medien komplett verdreht – sicher nicht aus Zufall.

Dümmlicher Wirtschaftsjournalismus, Kreditkrise und Hedgefonds

Einige Journalisten überschlagen sich wieder mit Geschreibsel von einer Kreditkrise. Was das Wort Krise wirklich bedeutet, scheint kaum jemandem dieser Schreiberlinge klar zu sein. Weder in den Finanzmärkten noch anderswo gibt es „eine über einen gewissen (längeren) Zeitraum anhaltende massive Störung des gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Systems.“ Die Kreditgeschäfte werden wie üblich weiter betrieben. Allenfalls wird auf den Zins ein Risikozuschlag erhoben oder nicht jeder luftigen Geschäftsidee ein positiver Kreditbescheid erteilt. Dennoch titelt z.B. die FTD: „Citigroup löst Finanzbeben aus„. Oder Reuters: „Citigroup schockiert mit neuer Milliarden abschreibung.“

Dummes Zeug aus Wirtschaftsredaktionen

Glauben diese Journalisten dieses dumme Zeug, dass sie von sich geben auch noch? Allenfalls spärlich und im Text versteckt werden in einigen Artikeln Zahlen genannt, mit denen die Abschreibungen von ca. 17,5 Mrd. US-Dollar stark relativiert werden müssten. So weist die Citigroup eine Bilanzsumme von sage und schreibe 2350 Milliarden US-Dollar auf. Was können die 17,5 Mrd. Dollar Abschreibungen anderes sein als Peanuts? Panikmache dient vielleicht der Auflagensteigerungen mancher Presseerzeugnisse, nicht aber einer Versorgung der Leser mit sachlichen Informationen. Dennoch rutscht die Citigroup nicht einmal im problematischen dritten Quartal – nicht in einem Bilanzjahr – ins Minus. Nein, der Gewinn dieses Quartals – nur in drei von zwölf Monaten eines Jahres – liegt bei 2,21 Mrd. Dollar „statt der bisher kommunizierten 2,38 Mrd. Dollar“. Welch eine Katastrophe!

Die Deutsche Bank musste ebenfalls einen Milliardenbetrag abschreiben. Trotzdem weist sie immer noch eine fabelhafte Eigenkapitalrendite von deutlich über 25 Prozent auf. Natürlich haben unsere Märchenerzähler aus den Wirtschaftsredaktionen hier ebenfalls von Katastrophenszenarien geschrieben.

Panikjournalismus und die Folgen

Die Auswirkungen dieses Panikjournalismus auf die Wirtschaftslage könnten stärker sein als die Abschreibungen selbst. Bekanntlich besteht mehr als die Hälfte der Börse und der Wirtschaft aus Psychologie. Und genau diese Psychologie der Verbraucher, potentiellen Investoren und aller übrigen Marktteilnehmer bestimmt die Berichterstattung der Wirtschaftsredaktionen zu einem nicht unerheblichen Teil mit. Insofern wird hier wieder einmal die Macht der Medien auf die Meinungsbildung der Bürger deutlich. An dieser Stelle der Einfluss auf die Bildung völlig irrationaler Befürchtungen und Ängste. Journalistische Verantwortung sieht anders aus.

Noch gefährlicher wird es, wenn aufgrund solcher Berichterstattung in der Regierung Politikergebnisse beeinflusst werden. Auch schon die primitiven Äußerungen Münteferings zu den Heuschrecken sind geeignet, Schaden anzurichten. Sogar wenn daraus keine Gesetzesänderungen erfolgen, entsteht Schaden, da dadurch die Tatsache verborgen wird, dass angelsächsische und andere Investoren mit ihrem Risikokapital deutlich mehr Arbeitsplätze schafften als sie abgebaut haben. Wo deutsche Banken keine Kredite mehr geben, sondern die Betriebe – meist durch deren Managementfehler – vor die Hunde gehen lassen würden, können oft nur noch die verschmähten „Heuschrecken“ das nötige Risikokapital zuschießen, eine riskante Umstrukturierung der maroden Betriebe wagen und dabei wenigstens noch einen Teil der Arbeitsplätze retten. In zahlreichen Medienerzeugnissen wird zu diesen Themen so manche dümmliche Aussage von Politikern unreflektiert nicht weniger dümmlich ausgebreitet und beschrieben.

Investitionen schaffen immer neue Arbeitsplätze

Politiker hingegen schaffen selbst nur wenige Arbeitsplätze; sie nutzen gerne Studenten als kostenlose Praktikanten (aus). Stattdessen sondern sie regelmäßig unsinnigen Wortschwall von sich ab. Wird den Wagniskapitalgebern dabei von Politikern durch unsinnige Regelungen das Leben schwer gemacht, entgeht Deutschland und den Arbeitslosen bzw. von Arbeitslosigkeit Gefährdeten dieses wichtige Kapital für Investitionen und Umstrukturierungen, die immer auch neue Arbeit schaffen. Schlechterdings ist keine wirtschaftliche Aktivität ohne Menschen, nur mit Maschinen und Software, denkbar. Immer wird die Arbeitsleistung von Experten nötig sein. Früher oder später liegt der Saldo aus abgebauten und neu entstandenen Arbeitsplätzen im positiven Bereich – falls Politiker nicht mit den von ihnen gesetzten Rahmenbedinungen ihren Bürgern wirtschaftliche Aktivitäten noch weiter erschweren.

Wer noch für Zeitungsabos derartiger Presseorgane Geld bezahlt, sollte mal über eine Kündigung nachdenken. Die Zeitungsverlage dürfen sich nicht wundern, wenn der deutsche Michel doch langsam bemerkt, wie er von einigen hochbezahlten Journalisten „nach Strich und Faden verarscht wird.“ Mit einem solchen journalistischen Niveau haben die Verleger zurecht Angst um ihre Zukunft.

Journalistische Lauterkeit und Wirtschaftskompetenz

[S. Reber/B. Fütterer] In der Zeit des politischen Sommerlochs hat sich inzwischen ein Großteil der Medien auf die amerikanische Hypothekenkrise eingeschossen, die sich vor allem auf die Schuldner mit schlechter Bonität begrenzt. Andere können ihre Kredite zumeist  weiter zurückzahlen. Ist es nun Sensationsgier oder einfach nur wirtschaftliche Inkompetenz von Journalisten, wenn positive fundamentale wirtschaftliche Daten ausgeblendet werden oder nur unscheinbar als Rudiment am Ende der Artikel den Weg zum Leser finden?

Im Bewusstsein der Leser bleibt letztlich das zurück, was einige Autoren, wie beispielsweise Gerd Zitzelsberger von der „Süddeutschen“ mit dem Aufmacher „Teile des Kreditmarkts zusammengebrochen“ oder einer Bildunterschrift: „Panik im Gesicht: Ein Händler an der Wall Street verfolgt den Kurssturz“ sensationsgierig herausstellen. Auch „Die Krise an den internationalen Finanzmärkten reicht noch weiter als zunächst befürchtet“ und „Der Markt für Anleihen mittlerer Bonität ist nach Banken-Angaben geradezu kollabiert“ oder „Auch deutsche Institute sind noch stärker betroffen als bislang befürchtet“, schaukelt zwar die Leser, nicht aber den gesamten Finanzmarkt in eine Krise, die bisher – zumindest in der dargestellten Form – so nicht existiert.

Deutsche Tragödie

Ob das zum Teil von den Händen bedeckte Gesicht wirklich ein Ausdruck von Panik ist, darf bezweifelt werden. Von einem Kurssturz an der Wall Street zu schreiben, ist angesichts der letzten leichten Aufwärtsbewegung des S&P 500 am Freitag und vor allem der immer noch stark positiven Kursentwicklung der letzten 12 Monate (10 Prozent im Plus) in den USA entweder ein Ausdruck wirtschaftlicher Inkompetenz oder primitiver journalistischer Sensationsgier. Wer so schreibt, scheint nicht zu wissen, dass über Jahrzehnte hinweg das Sparen in breit streuende Aktienfonds oder Indizes unter Renditegesichtspunkten am attraktivsten ist und trotz natürlicher Kursschwankungen auch auf lange Sicht eine risikoarme Anlage für jeden Bürger darstellt; Hat ein Sparer nach 20 oder mehr Jahren Anlagedauer trotz eines Kurseinbruches von 50 Prozent immer noch mehr Vermögen, als vergleichbar der Besitzer eines Sparbuches, Bausparvertrages oder der klassischen Lebensversicherung, kann er immer noch herzlich über diesen so genannten „Börsencrash“ lachen. Doch es scheint, als habe sich dies bisher unter dem deutschen Michel und inländischen Wirtschaftsredaktionen nur wenig herumgesprochen. Richtig analysiert, sind derartige Fehlinformationen die eigentlichen wirtschafts-, sozial- und bildungspolitischen Tragödien. Und das bereits seit Jahrzehnten.

Verantwortungsloses journalistisches Agieren

Verantwortungslos ist es deshalb, weil genau auch diese Art von Berichterstattung im Großteil der renditeorientierten Medienindustrie zu einer Stimmung bei den Anlegern beiträgt, die zu Reaktionen jenseits aller Vernunft provozieren kann. Fundamentalwirtschaftlich kann nichts die starke Weltkonjunktur in eine plötzliche Krise stürzen. Die chinesische, indische und auch lateinamerikanische Bevölkerungen treiben die weltweite Nachfrage auch weiterhin nach oben. Europa und besonders Deutschland profitiert unweigerlich auch in Zukunft von dieser Nachfrage. Aus allen Ecken schallen Meldungen von ausgezeichneter Gewinnlage bei den Unternehmen. In Deutschland befinden sich die Unternehmen durch starke Umstrukturierungen und Rationalisierungen – auch zuerst auf Kosten der Arbeitnehmer – wieder in einem wettbewerbsfähigen Zustand. Inzwischen fehlen viele Fachkräfte, aber ebenso bereits LKW-Fahrer und beispielsweise nur in der Region Hannover 2000 angelernte Arbeiter in Deutschland.

Gegen die notwendig sachliche, nicht von Spekulationen durchsetzte Versorgung der Leser mit den Ereignissen aus Wirtschaft und Börsensälen ist selbstverständlich nichts einzwenden – doch hinterlässt diese seit Tagen andauernde kampagnenartige Berichterstattung entsprechende Spuren in den Köpfen der Anleger. So darf wohl auch bald von einer self-fulfilling prophecy gesprochen werden. Bei der immer kritisch zu behandelnden Wikipedia wird dazu prägnant formuliert: „…Vorhersage, die sich erfüllt, nur weil sie vorhergesagt bzw. erwartet wurde. In Bezug mit der Realität existiert aber kein oder möglicherweise sehr geringer Zusammenhang, als er in der Erwartung existiert. Die Überlegung basiert auf dem Prinzip, dass man selbst auf die Umwelt Einfluss nimmt und versucht sie so in die Richtung zu verändern, die man erwartet. Demnach wird die Erwartung zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.“

Medienberichte mit Auswirkungen auf Anlegerverhalten

Niemand kann in Abrede stellen, dass sich ständig wiederholende „Panikschlagzeilen“ tatsächlich bei den Investitionsentscheidungen der Anleger, groß wie klein, auswirken. Im erwähnten Artikel der „Süddeutschen Zeitung“ wird nicht näher erläutert, was Geldmarktfonds sind. Ebenso wenig stellt der Autor die entscheidenden Zusammenhänge dar. In keinem Nebensatz wird erwähnt, dass die Notenbanken mit erhöhter Geldausgabe konsequent gegensteuern, dass das Gesamtvermögen allein der deutschen Bürger etwa doppelt so hoch ist, wie das der global in Frage gestellten Hedgefondsanlagen, von denen wiederum nur ein Teil die gefährdeten Hypothekenkredite berühren. Auch dass die chinesische Notenbank über 1300 Milliarden Dollar verfügt und nicht das geringste Interesse an einer tatsächlichen weltweiten Kreditkrise haben kann bleibt unberücksichtigt. Sie verkündete bereits, sich entsprechend verantwortungsbewusst verhalten zu wollen.

Am Ende retten chinesische Kommunisten mit ihren Dollars die Wall Street und bewahren viele unverantwortlich oder inkompetent agierende deutsche Journalisten vor der Gefahr einer medial erzeugten und herbeigeschriebenen Wirtschaftskrise. Bekanntlich ist die Hälfte der Wirtschaft Psychologie oder aktuell noch mehr als die Hälfte eine Massenpsychose. Wozu dann überhaupt noch recherchieren und auf wirtschaftliche Fundamentaldaten hinweisen? So jedenfalls scheint das Motto einiger Redaktionsmitglieder zu lauten, das sich dann bedauerlicherweise in entsprechenden Artikeln wiederfindet.

Bestechlicher Journalismus und seine Zukunft

Die Presse beschuldigt das Wirtschaftsministerium von Michael Glos, Einflussnahme auf die Berichterstattung über seine Besuche bei regionalen Industrie- und Handwerkskammern zu nehmen. Kommt von den Damen und Herren Journalisten eigentlich auch mal jemand auf die Idee, dass es sich auch um bestechliche Redakteure handeln könnte, die dafür Geld annehmen, dass Anzeigen in ihrem Erzeugnis für bis zu 40.000 Euro geschaltet werden und gleichzeitig ihre Unabhängigkeit dafür verkaufen?

Selbsterniedrigung des Journalismus

Bisher war über Google-News von mir noch kein einziger Artikel zu finden, der selbstkritisch auf diese Presselandschaft blicken würde, in der so etwas möglich ist. Die Netzeitung schreibt: „Die Presse sei kein Propaganda-Instrument der Bundesregierung.“ Hat sie sich nicht selbst dazu erniedrigt, wenn sich Redaktionen vorschreiben lassen, in welchem Umfang und wie sie über die „Dialogtour ‚Impulse für Wachstum‘ “ von Glos berichten?

dpa-bestückte Werbefläche

Wie sieht es um die Zukunft eines derartig verkommenen Journalismus aus? Ohnehin wird ein Großteil der Artikel nicht mehr selbst recherchiert, sondern von der dpa oder anderen Presseagenturen geliefert. Somit könnte man Zeitungen fast als „dpa-bestückte Werbefläche“ bezeichnen, die dazu dient, der Wirtschaft und der Politik eine Stimme zu geben; aber nicht mehr dazu, über alltägliche Probleme der Menschen und die Gesellschaft zu berichten und den Lesern authentischen Journalismus zu bieten. Derartige Medienorgane gehen kaum mehr tiefergründig auf regionale und lokale Ereignisse ein.

Rechercheplattform statt Nachrichtenagentur

Somit wäre es sinnvoller, nur mehr zwei oder drei unabhängige überregionale Zeitungen in Deutschland zu haben, dafür aber etwas ähnliches wie eine bezahlte Web2.0 Rechercheplattform, von der dann Duzende anderer Blätter gegen Gebühren die Rechercheergebnisse übernehmen können, um daraus eigene Artikel zu formulieren. Die so eingesparten Journalisten, von denen bisher die Agenturmeldungen zu „journalistischen Artikeln“ umgeschrieben und kombiniert werden, dürfen sich wieder für die Rechercheplattform mit eigentlicher Recherche befassen oder werden „früh pensioniert“.

Damit hätten wir zwar auch in vielen Zeitungen die gleichen Inhalte, dafür aber besser recherchiert und abwechslungsreicher formuliert. Derzeit stößt man bei Google-News auf sich ständig wiederholende Formulierungen in den verschiedensten Zeitungen zum jeweiligen Thema. Größere Unterschiede zwischen den Artikeln ist nur noch selten auszumachen. Eine Grundbedingung für eine Rückkehr zum ehrlichen Journalismus wäre, zuerst vor der eigenen Haustür zu kehren, bevor man sich um die PR-Agenturen und PR-Abteilungen von Ministerien kümmert.

P.S.: Öffentlich gemacht hatte dieses Vorgehen der Kölner Stadtanzeiger, der hier auch die Auftragsberichterstattung der Märkischen Allgemeinen Zeitung zum Glos-Besuch bei der IHK in Potsdam aufzeigt. (Beispiel des Angebots der Agentur Flaskamp rechts im Text zum Anklicken)

Journalismus, Web2.0 und Rendite

Gibt es bald nur noch drei oder vier Zeitungen, die wirklich etwas mit unabhängigem Journalismus zu tun haben? Werden die Artikel der übrigen Medienorgane zentral produziert, wie es im Ansatz mit gekauften Artikeln von den Presseagenturen bereits praktiziert wird, um auf dem Papier oder Monitor drumherum Reklame als Einnahmeqelle zu platzieren?

Fusionitis, Renditemaximierung und Aufkaufwahn im Medienmarkt?

Aktuell ist wieder von Stellenkürzungen bei der Netzeitung und bei ProSiebenSat1 die Rede. Es soll die Rendite von „erbärmlichen“ 22 Prozent auf 30 Prozent gehoben werden. Nun ist es das Recht der Eigentümer mit ihrem Eigentum zu machen, was sie wollen. Die Leser, Hörer und Zuschauer haben dann auch das Recht, sich angewidert abzuwenden. Vielleicht wenden sie sich hierauf einestages zu, einem Spiegel-Projekt, das im September starten soll. Irgendwann merkt ein Großteil der Bevölkerung möglicherweise nämlich doch noch, dass sie nicht mit anspruchsvollem Journalismus, sondern mit „Reklame-Drumherum“ abgespeist wird.

Ist es überhaupt ein Schaden, wenn es in Deutschland nur noch zwei oder drei Qualitätsmedien gibt? In Zeiten des Web2.0 kann Meinungsvielfalt auch ohne die bisher noch existierende Zeitungs- und Sendervielfalt aufrecht erhalten werden. Web2.0 soll hier heißen, dass jeder Internetnutzer (journalistische) Inhalte – wenn auch nicht journalistische Formen – darstellen kann.

Journalismus nur noch als Lektoratsdienstleistung?

Tausende von Journalisten würden „überflüssig“, machten sich die Bürger ernsthaft daran, selbst über ihre Alltagsprobleme, -erlebnisse und -freuden zu schreiben. Doch wollten wir nicht immer demokratische Partizipation in allen Bereichen haben? Warum sollte dann gerade die Medienöffentlichkeit in Deutschland von einigen wenigen führenden Meinungsmachern bestimmt werden. Das Internet als technische Plattform macht es zum ersten Mal in der Geschichte möglich, allen Bürgern Gehör zu verschaffen. Anders als in den traditionellen Medien ist die Sendezeit unbegrenzt, anders als bei den Zeitungen mangelt es nicht an der bedruckbaren Platz. Anders als bisher können im Internet die Leser, Zuschauer und Hörer die von Lesern, Zuschauern und Hörern geschaffenen Inhalte einfach, schnell und bequem bewerten, kommentieren, auf eine Premiumebene heben oder in eine Rangreihenfolge rücken. Kein Chefredakteur oder keine Redaktionssitzung muss entscheiden, was erscheint und was in den Papierkorb wandert, weil es für die Empfänger angeblich nicht interessant sein könnte oder den Reklamekunden missfallen würde. Die Leser können sich die eigene Medienstartseite nach für sie interessanten Rubriken oder auch Bürgerautoren selbst zusammenstellen. Es würde ausreichen, wenn einige Journalisten den Stil der Bürgerjournalisten aufpolieren.

Auswirkungen auf die Politik

Den Politprofis ist wohl noch nicht einmal annähernd bewusst, was damit auf sie zukäme. Eine bekannte und stark frequentierte Web2.0 Plattform, würde zum großen Teil das Geklüngel einiger Journalisten mit Politikern beenden. Es hilft Abgeordneten nichts mehr, einige etablierte Journalisten gezielt mit wertvollen Informationen zu füttern, um sie so „emotional an sich zu binden“. Solche „gebundenen“ Journalisten überlegen es sich bisher viermal, ob sie den Politiker, der sie bisher gut mit Informationen versorgt hat, harsch kritisieren; so sehr dieser die Kritik auch verdient hätte. Wie viele Medienleute haben sich schon um den Finger wickeln lassen und lieber in ihren Kommentaren noch Argumente zur Verteidigung eines in öffentliche Notlage geratenen Abgeordneten-Freundes an den Haaren herbei gezogen. Man denke nur an Journalisten, die einen Friedrich Merz noch in Schutz nehmen. So sinnvoll die beruflichen Kompetenzen eines Abgeordneten sein können, so klar sollte sein, dass im konkreten Fall ein Merz keine Zeit mehr haben kann, um sich um seinen Nebenjob im Parlament richtig zu kümmern und dass notwendige, demokratische Transparenz kein Berufsverbot für Abgeordnete bedeutet. An diesem Beispiel ist somit klar zu erkennen, wie sehr manche Journalisten in der Verteidigung der Intransparenz die Unabhängigkeit und Distanz zur Sache verloren haben. Hierbei sei bösartigerweise an Mark Twain gedacht: „Journalisten: Leute, die ein Leben lang darüber nachdenken, welchen Beruf sie eigentlich verfehlt haben.“

Intelligenz der Masse?

An die Intelligenz der Masse im engeren Sinne muss man nicht glauben. Doch gibt es in jedem jeweiligen Fachgebieten, über das einige dutzende Journalisten berichten, hunderte oder tausende besser informierte und kompetentere Bürger. Sobald die Zeit gekommen ist, in der diese selbst zur Feder greifen – vielleicht von einem Lektor redaktionell unterstützt – wäre es ein Gewinn, diese Artikel zu lesen, und kein Verlust, auf die Artikel von „Fachjournalisten“ zu verzichten.

So unvorstellbar es heute erscheinen mag, dass es z.B. nur noch die Süddeutsche und die FAZ auf dem Zeitungs- und Magazinmarkt gibt, so wenig notwendig ist es, im kommenden Web2.0-Zeitalter, dem Zeitalter des Mitmach-Webs für alle, die Meinungsvielfalt durch die heutige Vielzahl an Medien aufrecht erhalten zu wollen.

P.S.: Das für die Gebührenzahler teure Sieben-Milliarden-Abzockspektakel der Öffentlich-Rechtlichen-Medien sollte dann so schnell wie möglich beendet werden.