Journalismus, Web2.0 und Rendite

Gibt es bald nur noch drei oder vier Zeitungen, die wirklich etwas mit unabhängigem Journalismus zu tun haben? Werden die Artikel der übrigen Medienorgane zentral produziert, wie es im Ansatz mit gekauften Artikeln von den Presseagenturen bereits praktiziert wird, um auf dem Papier oder Monitor drumherum Reklame als Einnahmeqelle zu platzieren?

Fusionitis, Renditemaximierung und Aufkaufwahn im Medienmarkt?

Aktuell ist wieder von Stellenkürzungen bei der Netzeitung und bei ProSiebenSat1 die Rede. Es soll die Rendite von „erbärmlichen“ 22 Prozent auf 30 Prozent gehoben werden. Nun ist es das Recht der Eigentümer mit ihrem Eigentum zu machen, was sie wollen. Die Leser, Hörer und Zuschauer haben dann auch das Recht, sich angewidert abzuwenden. Vielleicht wenden sie sich hierauf einestages zu, einem Spiegel-Projekt, das im September starten soll. Irgendwann merkt ein Großteil der Bevölkerung möglicherweise nämlich doch noch, dass sie nicht mit anspruchsvollem Journalismus, sondern mit „Reklame-Drumherum“ abgespeist wird.

Ist es überhaupt ein Schaden, wenn es in Deutschland nur noch zwei oder drei Qualitätsmedien gibt? In Zeiten des Web2.0 kann Meinungsvielfalt auch ohne die bisher noch existierende Zeitungs- und Sendervielfalt aufrecht erhalten werden. Web2.0 soll hier heißen, dass jeder Internetnutzer (journalistische) Inhalte – wenn auch nicht journalistische Formen – darstellen kann.

Journalismus nur noch als Lektoratsdienstleistung?

Tausende von Journalisten würden „überflüssig“, machten sich die Bürger ernsthaft daran, selbst über ihre Alltagsprobleme, -erlebnisse und -freuden zu schreiben. Doch wollten wir nicht immer demokratische Partizipation in allen Bereichen haben? Warum sollte dann gerade die Medienöffentlichkeit in Deutschland von einigen wenigen führenden Meinungsmachern bestimmt werden. Das Internet als technische Plattform macht es zum ersten Mal in der Geschichte möglich, allen Bürgern Gehör zu verschaffen. Anders als in den traditionellen Medien ist die Sendezeit unbegrenzt, anders als bei den Zeitungen mangelt es nicht an der bedruckbaren Platz. Anders als bisher können im Internet die Leser, Zuschauer und Hörer die von Lesern, Zuschauern und Hörern geschaffenen Inhalte einfach, schnell und bequem bewerten, kommentieren, auf eine Premiumebene heben oder in eine Rangreihenfolge rücken. Kein Chefredakteur oder keine Redaktionssitzung muss entscheiden, was erscheint und was in den Papierkorb wandert, weil es für die Empfänger angeblich nicht interessant sein könnte oder den Reklamekunden missfallen würde. Die Leser können sich die eigene Medienstartseite nach für sie interessanten Rubriken oder auch Bürgerautoren selbst zusammenstellen. Es würde ausreichen, wenn einige Journalisten den Stil der Bürgerjournalisten aufpolieren.

Auswirkungen auf die Politik

Den Politprofis ist wohl noch nicht einmal annähernd bewusst, was damit auf sie zukäme. Eine bekannte und stark frequentierte Web2.0 Plattform, würde zum großen Teil das Geklüngel einiger Journalisten mit Politikern beenden. Es hilft Abgeordneten nichts mehr, einige etablierte Journalisten gezielt mit wertvollen Informationen zu füttern, um sie so „emotional an sich zu binden“. Solche „gebundenen“ Journalisten überlegen es sich bisher viermal, ob sie den Politiker, der sie bisher gut mit Informationen versorgt hat, harsch kritisieren; so sehr dieser die Kritik auch verdient hätte. Wie viele Medienleute haben sich schon um den Finger wickeln lassen und lieber in ihren Kommentaren noch Argumente zur Verteidigung eines in öffentliche Notlage geratenen Abgeordneten-Freundes an den Haaren herbei gezogen. Man denke nur an Journalisten, die einen Friedrich Merz noch in Schutz nehmen. So sinnvoll die beruflichen Kompetenzen eines Abgeordneten sein können, so klar sollte sein, dass im konkreten Fall ein Merz keine Zeit mehr haben kann, um sich um seinen Nebenjob im Parlament richtig zu kümmern und dass notwendige, demokratische Transparenz kein Berufsverbot für Abgeordnete bedeutet. An diesem Beispiel ist somit klar zu erkennen, wie sehr manche Journalisten in der Verteidigung der Intransparenz die Unabhängigkeit und Distanz zur Sache verloren haben. Hierbei sei bösartigerweise an Mark Twain gedacht: „Journalisten: Leute, die ein Leben lang darüber nachdenken, welchen Beruf sie eigentlich verfehlt haben.“

Intelligenz der Masse?

An die Intelligenz der Masse im engeren Sinne muss man nicht glauben. Doch gibt es in jedem jeweiligen Fachgebieten, über das einige dutzende Journalisten berichten, hunderte oder tausende besser informierte und kompetentere Bürger. Sobald die Zeit gekommen ist, in der diese selbst zur Feder greifen – vielleicht von einem Lektor redaktionell unterstützt – wäre es ein Gewinn, diese Artikel zu lesen, und kein Verlust, auf die Artikel von „Fachjournalisten“ zu verzichten.

So unvorstellbar es heute erscheinen mag, dass es z.B. nur noch die Süddeutsche und die FAZ auf dem Zeitungs- und Magazinmarkt gibt, so wenig notwendig ist es, im kommenden Web2.0-Zeitalter, dem Zeitalter des Mitmach-Webs für alle, die Meinungsvielfalt durch die heutige Vielzahl an Medien aufrecht erhalten zu wollen.

P.S.: Das für die Gebührenzahler teure Sieben-Milliarden-Abzockspektakel der Öffentlich-Rechtlichen-Medien sollte dann so schnell wie möglich beendet werden.