Anlass zur Börsenpanik? – Nein!

Der gestrige Kurseinbruch an den Aktienmärkten hat nicht nur Kleinanleger, sondern auch Finanzexperten geschockt. Dabei bezieht sich die Angst nicht auf den bisher erlebten starken Kursrückgang innerhalb kurzer Zeit. Vielmehr ist es die Ungewissheit, ob der Crash nicht erst gerade seinen Anfang nimmt, die den Akteuren die Schweißperlen auf die Stirn treibt.

Starke Kurskorrektur unbegründet
Nüchtern betrachtet sind weder die deutschen Aktienmärkte, noch die amerikanischen so stark gestiegen, dass ein „gesunder“ Rückschlag erwartet werden könnte. Ein Blick auf das Verhältnis der Unternehmensgewinne zu ihrem Aktienwert zeigt das deutlich. Das KGV des deutschen Aktienindexes DAX fällt aktuell mit 14 recht moderat aus – der Durchschnittswert liegt in etwa bei 15. Bisherige Aktienkurseinbrüche korrigierten meist übertrieben hohe Börsenkurse und rissen in einer Panikstimmung die Kurse in den Keller. Für den langfristigen Sparer gilt ohnehin: Kurseinbrüche sind Kaufgelegenheiten und auf eine zehn- oder zwanzigjährige Sicht lediglich kleine Dellen im konstanten Aufwärtstrend der Wirtschaft und Börsen.

Fundamental-Daten stimmen
Auch für die Börsen bedrohlich negative Fundamentaldaten, wie eine überhöhte Arbeitslosigkeit verbunden mit einem hohen Haushaltsdefizit, die daraufhin in der Regel folgende Inflation sowie eine sich daran früher oder später anschließende Zinserhöhung sind nicht zu erkennen. Zinserhöhungen oder generell zu hohe Zinsen würden die Unternehmen in ihrem Bestreben belasten, sich günstig für weitere Investitionen Kapital zu beschaffen. Vor allem gewerkschaftsnahe Ökonomen fordern daher – durchaus begründet – möglichst niedrige Leitzinsen. Genau an diesem Punkt setzte heute die amerikanische Notenbank an und senkte den Leitzins mit 0,75 Prozent so stark wie seit 18 Jahren nicht mehr. Damit sollen die Unternehmen animiert werden, weiterhin zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Vor allem jedoch zielt diese Maßnahme auch auf die von der Bankenkrise betroffene Finanzbranche, die zuletzt in der Kreditvergabe – insbesondere zwischen den Banken – sehr vorsichtig agierte.

Ausgangspunkt deutsche Staatsbanken
Der Finanzsektor ist nämlich der eigentliche Ausgangspunkt des bisher noch als Minicrash zu bezeichnenden Kursrückgangs. Erstaunlicherweise ging dieses Mal die weltweite Börsenpanik von Deutschland aus, nicht von der Wall Street in New York. Sieht man noch genauer hin, sind es ausgerechnet staatliche Banken in Deutschland, die den Auslöser darstellen. Politiker die direkt bei der WestLB und der sächsischen Landesbank oder indirekt über die KfW-Bank bei der IKB die Verantwortung für eine effektive Kontrolle der Banken tragen, sind ihrer Verantwortung in keiner Weise nachgekommen. Ähnliches gilt für die deutsche Bankenaufsicht.

Gegenmaßnahmen entscheidend
Obgleich die tiefere Ursache der Kreditkrise bei der laxen Kreditvergabe an meist von Anfang an nicht kreditwürdige amerikanische Häuslebauer begründet ist, hätte daraufhin nicht zwangsläufig ein so plötzlicher Kurseinbruch folgen müssen. Sowohl bei der IKB, wie auch bei der sächsischen Landesbank und der WestLB gibt es Hinweise, dass die Wahrheit lange vertuscht wurde, anstatt rechtzeitig und besonnen Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Im Gegensatz dazu haben sich einige große amerikanische Banken nicht nach deutscher Manier vom Vater Staat – sprich dem Steuerzahler – Finanzspritzen und Bürgschaften geben lassen, sondern Eigenkapital von arabischen und asiatischen Geldgebern geordert. Dazu reagierten die deutschen – zuletzt die WestLB mit einer Sitzung am Sonntag, einen Tag vor dem Kurssturz – im allerletzten Moment, um eine mögliche Insolvenz abzuwenden.

Nüchternes Handeln erforderlich
Für die weiteren Tage und Wochen muss man nun darauf hoffen, dass die Panik abnimmt und nüchternem Überlegen und Handeln Platz macht. Ansonsten stürzen sich die Lemminge des Finanzmarktes in den Abgrund. Denn Panik ist die wesentliche Ursache für verheerende Börsencrashs. Neben den guten Fundamentaldaten in den Industriestaaten gibt es vor allem den langfristigen Wachstumsmotor China, Indien und Südamerika in Gestalt einer Milliardenbevölkerung, die nach Aufstieg und verstärktem Konsum strebt. Nicht verschwiegen werden sollte hierbei auch die enorme Übertreibung an der chinesischen und indischen Börse. Dort gäbe es tatsächlichen Korrekturbedarf. Und genau dorthin – auf das für Europäer nächtliche Geschehen an den indischen und chinesischen Börsen – sollte sich der besorgte Blick der Finanzwelt auch richten. Ob diese Märkte auf eine in Bezug zu den jährlichen Gewinnsteigerungen der Firmen vernünftige Kursbewertung zurückkehren, ohne einen weiteren, weltweiten Kurseinbruch zu verursachen, sollte unsere hauptsächliche Sorge sein. Sonst gibt es im wahren Wortsinn am Ende tatsächlich noch ein böses Erwachen. Und dann – gute Nacht Europa!

Das KGV und seine Besonderheiten