Der Untergang ist abgesagt

Straubhaar Untergang ist abgesagt
Das Buch „Der Untergang ist abgesagt“ von Thomas Straubhaar – Screenshot BF

Der einflussreiche und renommierte Wirtschaftswissenschaftler Thomas Straubhaar bringt in den nächsten Wochen ein Buch auf den Markt, mit dem er provokativ den demographischen Wandel zum Nichtproblem erklärt. Zumindest ist es sein Anspruch, zahlreiche von ihm als Mythen bezeichnete (Vor-)Urteile zu als solche offen darzulegen. Im Buch mit dem Titel Der Untergang ist abgesagt: Wider die Mythen des demografischen Wandels
sieht der beispielsweise keinerlei Bedrohung des deutschen Wohlstands durch den starken Alterungsprozess der Gesellschaft.

Die richtigen Pflegeheimplätze nötig

Pflegeheime müssten für die nächsten Rentnergenerationen nur anders gestaltet werden. Die Menschen würden mangels harter Industrie- und Bergwerksarbeit auch im Alter immer gesunder und rüstiger. Denkt der dabei vor allem an sich selbst? In Wirklichkeit gäbe es nicht viel mehr Pflegefälle. Die Phase des körperlichen Verfalls und der Beschwerden würde sich nur weiter nach hinten verschieben.

Das seit einiger Zeit veränderte Wohnverhalten von Familien, die wieder in Metropolen und größere Städte ziehen schreibt er für die Zukunft fort, obwohl die Digitalisierung der Arbeitswelt es zukünftig keineswegs mehr erfordert, täglich in den Dienstleistungsmetropolen mit überteuerten Wohnraum für Familien präsent zu sein. Die Veränderungen der innerdeutschen Migrationsbewegungen sind daher auch in Zukunft nicht einfach zu prognostizierbar.

Mythos Fachkräftemangel

Sehr bedenkenswert ist der von ihm entlarvte Mythos eines Fachkräftemangels. Er konstatiert, dass es tatsächlich eine Reserve an Älteren und Elternteilen gibt, die sehr gerne (mehr) arbeiten würden und zu hochqualifizierten ausbildbar wären. Doch aufgrund eines Führungskräfteversagens geschehe dies nicht, das heißt, es wird zu wenig getan, um bessere Rahmenbedingungen für diese potentiellen Fachkräfte zu schaffen, deren Potential bisher brachliegt. Die Digitalisierung bringt er an dieser Stelle ins Spiel, als einen Faktor, der zahlreiche Arbeitsplätze in den nächsten Jahren überflüssig macht, weil die Arbeit von Software und vernetzten Robotern und Maschinen erledigt werde.

Etwas leicht macht es sich Straubhaar wohl mit den Infrastrukturkosten für öffentliche Einrichtungen. Ohne dabei zu berücksichtigen, dass ein Schwimmbad in einer Klein- oder Mittelstadt die gleichen Fixkosten für weniger Einwohner einer alternden Gesellschaft mit sich bringt und kein zweites Schwimmbad vorhanden ist, das geschlossen werden könnte, behauptet er dennoch, dass es einfach schöner und nur vorteilhaft ist, wenn die Einrichtungen in Zukunft nicht mehr so überlaufen sind.

Individualisierung der Gesellschaft als Neuerscheinung?

Möglicherweise sitzt Straubhaar der (eigenen?) Sehnsucht nach gesellschaftlicher Homogenität und der damit verbundenen einfacheren politischen Lösungsfindung auf. Ohne den schon seit Jahrzehnten ablaufenden Prozess einer zunehmenden Individualisierung an dieser Stelle zu berücksichtigen, stellt er es als neues zukünftiges Problem dar, in einer bald zunehmend heterogeneren Gesellschaft einen politischen Konsens für die jeweiligen sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen zu finden.

An anderer Stelle – nämlich bei der Frage des Konsumvolumens – stellt er die Individualisierung in Form von vielen Ein-Personen-Haushalten durchaus in seine positive Rechnung ein. Diesen Eindruck, dass nämlich vieles von Straubhaar positiver präsentiert wird als es im Rahmen des starken Alterungsprozesses tatsächlich abläuft, begleitet den Lesern auch an anderen Stellen.

Geburtenrate

So geht er nicht näher auf die Tatsache ein, dass durch den über Jahrzehnte anhaltenden Geburtenrate von etwa. 1,4 pro Frau schlicht und ergreifend inzwischen die notwendige Anzahl an Frauen fehlt. Diese Frauen wären nötig, um so viele Kinder in absoluter Zahl in die Welt zu setzen, damit Straubhaars zumindest angedeuteter möglicher und rascher demographischen Wandel hin zu einer deutlich positiven Reproduktionsverhalten junger Paare einsetzen könnte. Hier wäre ein Blick auf die hohe Geburtenquote Frankreichs – etwa 2,0 – und deren mögliche Ursachen sinnvoll gewesen.

Das insgesamt sehr lesenswerte und anregende Buch von Thomas Straubhaar kann jedem nur empfohlen werden, der sich Gedanken über die gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland macht.

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