Aufwachen oder Abstieg der „Altparteien“ – AfD-Wahlsieg

Bild: Screenshot youtube - Kaja Suding durch Journalistenpsyche betrachtet
Bild: Screenshot youtube – Kaja Suding durch Journalistenpsyche betrachtet. So wichtig sind also politische Inhalte.

Wie chaotisch die Strategie der etablierten Parteien gegenüber der AfD war und immer noch ist, wird in diesem FAZ-Artikel deutlich. So gesehen fühlen sich alle „Alt-Parteien“ als Wahlsieger. Unmerklich beschleicht einem in einem weiteren FAZ-Artikel bei einem Weiter-So der Parteien das Gefühl,  SPD und CDU könnten sich in ihrer bisherigen Struktur bald marginalisieren oder auflösen sowie die CSU dank Seehofer-Strategie ihre Mehrheit dauerhaft verlieren. Zwei „Volksparteien“ schaffen es in einem Bundesland nicht mehr, zusammen eine Koalition zu bilden. Wie konnte es zu diesem politischen Super-GAU kommen?

Medienversagen

Dass die Medien dabei ein ebenfalls sehr schlechtes Bild abgeben, weil sie sich nicht mit den inhaltlichen Nicht-Aussagen und Pseudolösungen der AfD auseinandersetzten, sondern eher Frauenbeinen klingt deutlich hier an. Katja Suding, FDP-Politikerin in Hamburg, durfte diese Erfahrung (Video) bereits ebenso machen.

Politikerversagen

Die AfD wurde von den anderen Parteien zu lange ignoriert und totgeschwiegen, vor allem von der CDU, deren Wählerschaft mit der AfD-Wählerschaft am meisten gemeinsamkeiten besitzt. Eine besonders fundierte Analyse liefert der Politikpsychologe Thomas Kliche – („Wir haben jetzt die Chance aufzuwachen“):

„Die Parteien, und zwar alle, hätten deutlich sagen müssen, dass der globale Wandel auch bei uns viele Veränderungen erzwingen wird. Sie hätten europäische Lösungsmechanismen aufbauen müssen, denn allein schafft das kein Land mehr. Sie hätten die knallhart pragmatischen Überlegungen für die Aufnahme der Flüchtlinge erklären können. Und sie hätten konstruktiv und ohne taktische Berechnung an Problemlösungen arbeiten sollen, statt sich armselig zu zanken.“

Er unterstreicht deutlich, wie komplex die Welt und Probleme geworden sind:

„Wir sind zwangsläufig überfordert. Wir haben kein Rezept, keinen Weg, keine Vision. Wir werden lange an den erforderlichen sozialen Innovationen arbeiten. Viele versuchen, das einfach abzustreiten. Als die Industrialisierung los ging, haben Handwerker die Maschinen zertrümmert. Am Anfang stehen irrationale Lösungsversuche, alte Reflexe, einfache Feindbilder. Wer Politik als Konsumgut benutzen möchte, wünscht sich, dass mit ein paar Kreuzen auf dem Wahlzettel alles erledigt ist. Aber das wird nie wieder reichen.“

Inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD

Wichtig wäre:

  1. Problemlösungen anzubieten
  2. Zu kommunizieren, warum diese Problemlösung besser als die der anderen Parteien vor allem der AfD ist.
  3. Die AfD zuerst parteiintern zu analysieren und
  4. dann öffentlich die inhaltliche Auseinandersetzung zu suchen. Dabei muss gesagt werden, warum und wie die AfD mit ihren Parolen und abstrusen Vorschlägen Deutschland, der Exportwirtschaft durch Grenzschließungen, somit der Finanzierung unseres Sozialstaats, und der Demokratie durch Gefährdung des demokratischen Pluralismus schadet.
  5. Die inhaltliche nicht nur floskelhaften Botschaften auf Facebook verbreiten, wo die AfD so viele Fans gesammelt hat wie allein alle anderen Parteien zusammen, und somit alleine gezielt fast halb so viele Zuschauer erreicht wie die Tagesschau.

Sachlich argumentieren bedeutet zum Beispiel:

  1. Ein sehr großer Teil der Milliarden für Flüchtlinge fließt als Mehrwertsteuer, Lohnsteuer (neue Sozialpädagogen, Lehrer) Konsumausgaben wieder an deutsche Firmen und den deutschen Staat. Die Flüchtlinge werden kaum Sparverträge abschließen. Daher ist es ein Konjunkturprogramm.
  2. Richtig integriert zahlen viele Flüchtlinge bald Steuern und Rentenbeiträge. Es gibt hunderttausende freier Arbeitsplätze in Deutschland.
  3. In den ländlichen Räumen könnten einige Kitas und Grundschulen wegen des demographischen Wandels nur durch Flüchtlingskinder noch erhalten und vor der Schließung bewahrt werden – so wie in Vorpommern Einrichtungen nur durch polnische Einwanderer gerettet wurden.
Seehofer mit Eigentor und weiterem Amoklauf

Stattdessen ließ man Seehofer und die AfD völlig unsachlich bestehende Ängste weiter verbreiten und vergrößern. Die Quittung dafür war der Wahlsonntag. Dabei ist die AfD-Wählerschaft eine Minderheit und trotzdem schockierend. Die Mehrheit hat paradoxerweise den Pro-Merkel-Flüchtlingskurs von Kretschmann und Malu Dreyer gewählt.

Der größte Wahlverlierer könnte die CSU sein wie Albert Schäffer klug analysiert. Sie würde eventuell unweigerlich die absolute Mehrheit durch eine etablierte AfD verlieren. Dennoch schieben Seehofer und Konsorten weiter der Flüchtlingspolitik Merkels und nicht dem eigenen populistischen Scheinlösungsvorschlägen und den Streitereien mit Merkels Anhänger die Schuld zu. Es gab in Italien einmal eine christlich-konservative Partei, Democrazia Cristiana, die jahrzehntelang regierte. Sie existiert schon lange nicht mehr.

Schluss mit Jammern – auch nicht über die EZB

JammerfreieZone_KarinWess.com_-768x623Wir Deutschen sind bekannt für unsere „German Angst“ und unser Jammern. Gestern ging das Gejammere darüber los, dass die Zinsen durch die geringfügige Zinssenkung der EZB auf nun Null mindestens vorübergehend abgeschafft wurden. Geht es uns in Deutschland deshalb schlechter? Der deutsche Michel mit seinem Bausparer und der Kapitallebensversicherung samt Sparbuch ist zwar tatsächlich schon seit einigen Jahren über die mickrigen Zinsen frustriert. Aber es gibt eine viel bessere Alternative zu Zinsanlagen – doch dazu später mehr.

Während wir so viel jammern, in Familien- und Freundeskreis häufig immer besorgter über die Flüchtlingspolitik sprechen, leben wir in vielen deutschen Regionen in einer Arbeitswelt mit Vollbeschäftigung. Noch nie gab es in Deutschland so viele Erwerbstätige. Seit Jahrzehnten hatten wir keinen solchen Überschuss im Staatshaushalt mehr. Trotz der Flüchtlingskrise bleibt das wohl auch 2016 so. Um uns herum in Europa herrscht nicht nur unter Jugendlichen Massenarbeitslosigkeit. Aber in der Exportnation jammern die vielfachen Exportweltmeister über ausbleibende Zinsen. Viele deutsche Unternehmen wissen nicht mehr wohin mit dem verdienten Geld. Haben sie keine Investitionsideen? Potentielle Existensgründer kommen in der gut laufenden deutschen Wirtschaft leichter an Aufträge als in früheren Jahren mit Stagnation oder Rezession. Ideen und Konzepte ließen sich vielleicht noch nie so leicht entwickeln und umsetzen wie heute im Zeitalter von Crowdinvesting und Niedrigzinsen.

Für Familien wurde mit Kindergeld und dem Ausbau von Kita-Plätzen sowie Ganztagesschulen schon sehr viel in den letzten Jahren gemacht. Und es wird auch noch weiter viel in Kinder investiert – wenn auch manchmal an den falschen Stellen. Doch grundsätzlich liegt es nicht am fehlenden Geld, wenn irgendwo noch Verbesserungs- und Handlungsbedarf besteht. Bei den niedrigen Zinsen und den vielen Förderprogrammen kommt jeder Mensch mit Ideen, einen guten Konzept und dessen ordentlicher Vorstellung vor Geldgebern in Deutschland auch zum nötigen Investitionskapital. Familie und Beruf – vor allem als Selbstständiger lassen sich durchaus verbinden. Natürlich ist dabei auch Durchhaltewillen gefragt.

Doch vor lauter Jammern scheinen vielen die Ideen auszugehen. Das Geld in Bausparern, Sparbüchern und Kapitallebensversicherungen liegen zu lassen, hat nichts mit Kreativität, Unternehmertum und Eigenverantwortung zu tun. Es ist einfach nur bequem, hilft aber keinem weiter. Wachstumsimpulse für andere EU-Länder oder im Kleinen für die Kommune um die einzelnen Akteure herum können so nicht entstehen. Vielen Kindern und Schülern wird wohl leider immer noch nahe gelegt, sich zukünftig einen gemütlichen Arbeitsplatz bei Vater Staat beim Bosch, Daimler oder Siemens zu suchen.

Dabei baut gerade Siemens 2500 Arbeitsplätze in Deutschland ab. Daimler verpasst möglicherweise die Zukunft der Elektromobilität, wenn es sich nicht sputet und den großen Rückstand aufholt. Darüber zu jammern, hilft nicht weiter. Jeder sollte seine persönlichen Chancen in einem zukunftsträchtigen Gebiet suchen. Sich gründlich informieren, dann aber einfach mal loslegen statt perfektionistisch einen Detailplan ausarbeiten zu wollen, der in einer komplexen, sich schnell verändernden Realität ohnehin immer wieder angepasst werden muss. Viele sind mit ihrem Arbeitgeber zufrieden. Na und! Selten war es so einfach wie jetzt einen neuen, besseren Arbeitgeber zu finden. Es gibt viele Weiterbildungsmöglichkeiten – zum Teil vom Staat bezuschusst. Jeder, der es will, kann sich mit etwas Ausdauer beruflich enorm entwickeln. Man muss sich nur in Bewegung bringen. Bei einem dann deutlich höheren Einkommen spielt es übrigens eine geringe Rolle, ob man 1-2 Prozent mehr Zinsen bekommt.

Ach ja, die Alternative zum Sparbuch. Die gab es schon immer. Diese Alternative wird leider in einer von Finanzbildung gering betroffenen deutschen Bevölkerung (auch deutsche Journalisten sind schlecht informiert) kaum entdeckt. Wer sich informiert, stößt auf dem Weg zu seiner Unabhängigkeit von Arbeitgebern oder zumindest zur Vermeidung von Altersarmut auf ETFs und aktive Aktienfonds. Damit lässt sich chancenreich und mit richtiger Vorgehensweise ohne großes Risiko Wohlstand aufbauen. Jammern zählt also nicht mehr für gut Informierte.

Weitere Informationen gibt es auf diesem von einer gmeinnützigen Stiftung getragenen Informationsportal Finanztip. Der langjährige Chefredakteur von Finanztest, Hermann-Josef Tenhagen, ist hier federführend am Werk.

Inspiriert zu diesem Artikel wurde ich von Karin Wess und ihrer 21-Tage-Challenge

Der Untergang ist abgesagt

Straubhaar Untergang ist abgesagt
Das Buch „Der Untergang ist abgesagt“ von Thomas Straubhaar – Screenshot BF

Der einflussreiche und renommierte Wirtschaftswissenschaftler Thomas Straubhaar bringt in den nächsten Wochen ein Buch auf den Markt, mit dem er provokativ den demographischen Wandel zum Nichtproblem erklärt. Zumindest ist es sein Anspruch, zahlreiche von ihm als Mythen bezeichnete (Vor-)Urteile zu als solche offen darzulegen. Im Buch mit dem Titel Der Untergang ist abgesagt: Wider die Mythen des demografischen Wandels
sieht der beispielsweise keinerlei Bedrohung des deutschen Wohlstands durch den starken Alterungsprozess der Gesellschaft.

Die richtigen Pflegeheimplätze nötig

Pflegeheime müssten für die nächsten Rentnergenerationen nur anders gestaltet werden. Die Menschen würden mangels harter Industrie- und Bergwerksarbeit auch im Alter immer gesunder und rüstiger. Denkt der dabei vor allem an sich selbst? In Wirklichkeit gäbe es nicht viel mehr Pflegefälle. Die Phase des körperlichen Verfalls und der Beschwerden würde sich nur weiter nach hinten verschieben.

Das seit einiger Zeit veränderte Wohnverhalten von Familien, die wieder in Metropolen und größere Städte ziehen schreibt er für die Zukunft fort, obwohl die Digitalisierung der Arbeitswelt es zukünftig keineswegs mehr erfordert, täglich in den Dienstleistungsmetropolen mit überteuerten Wohnraum für Familien präsent zu sein. Die Veränderungen der innerdeutschen Migrationsbewegungen sind daher auch in Zukunft nicht einfach zu prognostizierbar.

Mythos Fachkräftemangel

Sehr bedenkenswert ist der von ihm entlarvte Mythos eines Fachkräftemangels. Er konstatiert, dass es tatsächlich eine Reserve an Älteren und Elternteilen gibt, die sehr gerne (mehr) arbeiten würden und zu hochqualifizierten ausbildbar wären. Doch aufgrund eines Führungskräfteversagens geschehe dies nicht, das heißt, es wird zu wenig getan, um bessere Rahmenbedingungen für diese potentiellen Fachkräfte zu schaffen, deren Potential bisher brachliegt. Die Digitalisierung bringt er an dieser Stelle ins Spiel, als einen Faktor, der zahlreiche Arbeitsplätze in den nächsten Jahren überflüssig macht, weil die Arbeit von Software und vernetzten Robotern und Maschinen erledigt werde.

Etwas leicht macht es sich Straubhaar wohl mit den Infrastrukturkosten für öffentliche Einrichtungen. Ohne dabei zu berücksichtigen, dass ein Schwimmbad in einer Klein- oder Mittelstadt die gleichen Fixkosten für weniger Einwohner einer alternden Gesellschaft mit sich bringt und kein zweites Schwimmbad vorhanden ist, das geschlossen werden könnte, behauptet er dennoch, dass es einfach schöner und nur vorteilhaft ist, wenn die Einrichtungen in Zukunft nicht mehr so überlaufen sind.

Individualisierung der Gesellschaft als Neuerscheinung?

Möglicherweise sitzt Straubhaar der (eigenen?) Sehnsucht nach gesellschaftlicher Homogenität und der damit verbundenen einfacheren politischen Lösungsfindung auf. Ohne den schon seit Jahrzehnten ablaufenden Prozess einer zunehmenden Individualisierung an dieser Stelle zu berücksichtigen, stellt er es als neues zukünftiges Problem dar, in einer bald zunehmend heterogeneren Gesellschaft einen politischen Konsens für die jeweiligen sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen zu finden.

An anderer Stelle – nämlich bei der Frage des Konsumvolumens – stellt er die Individualisierung in Form von vielen Ein-Personen-Haushalten durchaus in seine positive Rechnung ein. Diesen Eindruck, dass nämlich vieles von Straubhaar positiver präsentiert wird als es im Rahmen des starken Alterungsprozesses tatsächlich abläuft, begleitet den Lesern auch an anderen Stellen.

Geburtenrate

So geht er nicht näher auf die Tatsache ein, dass durch den über Jahrzehnte anhaltenden Geburtenrate von etwa. 1,4 pro Frau schlicht und ergreifend inzwischen die notwendige Anzahl an Frauen fehlt. Diese Frauen wären nötig, um so viele Kinder in absoluter Zahl in die Welt zu setzen, damit Straubhaars zumindest angedeuteter möglicher und rascher demographischen Wandel hin zu einer deutlich positiven Reproduktionsverhalten junger Paare einsetzen könnte. Hier wäre ein Blick auf die hohe Geburtenquote Frankreichs – etwa 2,0 – und deren mögliche Ursachen sinnvoll gewesen.

Das insgesamt sehr lesenswerte und anregende Buch von Thomas Straubhaar kann jedem nur empfohlen werden, der sich Gedanken über die gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland macht.

Angela Merkel ist verzweifelt – über Seehofer oder die Flüchtlingspolitik

Die meisten Zuschauer dürften nicht besonders überrascht gewesen sein über das, was Merkel im Gespräch mit Anne Will äußerte. Zum einen ist nicht einmal andeutungsweise eine Wende in der Flüchtlingspolitik Merkels erkennbar. Zum anderen ist es bemerkenswerter, was die Kanzlerin nicht sagte. Sie wies nicht darauf hin, dass in der Asyl- und Flüchtlingspolitik zuletzt deutliche Verschärfungen beschlossen wurden. Zum Beispiel wurden drei nordafrikanische Länder zu sicheren Drittstaaten erklärt.

Am folgenden Montag erhielt der Innenminister von Marokko die Zusage, Marokko werden die abgeschobenen Flüchtlinge ins Land lassen. Eine weitere einschneidende Maßnahme könnte je nach konkreter Anwendung sein, dass der Familiennachzug für viele Flüchtlinge ausgesetzt wird. Ebenfalls am Montag durchbrachen verzweifelt Flüchtlinge einen Zaun zur Mazedonischen Grenze, wurden mit Tränengas jedoch wieder zurückgedrängt.

Österreich macht es sich inzwischen einfach: Nach Meinung des österreichischen BundeskanzlersFaymann sollte Deutschland „eine Tagesquote festlegen – und nach dieser Flüchtlinge direkt von Griechenland, der Türkei oder Jordanien nach Deutschland bringen.“ Dazu sollen Durchreise-Zertifikate ausgestellt werden. Griechenland droht im Chaos zu versinken. Kommt es vielleicht gar zu Gewaltausbrüchen oder bürgerkriegsähnlichen Situationen? „In Nordgriechenland brannten in diesen Tagen Gebäude, die als Flüchtlingsunterkünfte geplant waren“, vermeldet der Spiegel.

Oder hat sich Merkel mit den Österreichern hinter den Kulissen abgesprochen, um so den Druck auf eine europäische Einigung zu erhöhen? Letzten Endes würde bei einer ausbleibenden Einigung die Rückkehr zu nationalstaatlichen Grenzen bevorstehen und sich der Schengenraum auflösen. Das Handelsblatt und der Spiegel berichten von Studien, wonach 110 Milliarden Euro Kosten beziehungsweise Verluste in der EU während der nächsten 10 Jahre entstünden. Deutschland als Exportnation ist allein mit jährlich 10 Milliarden Euro laut DIHK-Geschäftsführer Martin Wansleben betroffen.

Neue Griechenlandkrise vermeiden

Offener als andere Politiker erklärt Angela Merkel endlich, dass Griechenland von der EU nicht alleingelassen werden können, nachdem in langem Ringen vor einem Jahr ein weiteres Rettungspaket von den EU-Ländern beschlossen wurde. Auch hier gibt ihr der Montag recht. Flüchtlinge versuchten mit hölzernen Rammböcken einen Grenzzaun von Griechenland nach Mazedonien zu durchbrechen, um weiter in die Wohlstandsländer der EU reisen zu können. Die Grenzpolizisten setzen Tränengas ein und schließen das mit Gewalt geöffnete Grenztor wieder. Kann Europa nach mehr als einem halben Jahrhundert europäischer Integration solche Bilder häufiger aushalten?

Wirtschaftsmacht EU muss zentrale Flüchtlingsfinanzierung und Verteilung organisieren

Österreich ist zusammen mit einigen Balkanstaaten vorgeprescht. Nur eine europäische Einigung mit einem europäischen Geldtopf kann verhindern, dass einzelne wenige Länder von zu hohen Flüchtlingszahlen in zu kurzer Zeit politisch und gesellschaftlich destabilisiert werden, während die große Mehrzahl keine oder kaum Flüchtlinge aufnimmt.

Die Europäische Union mit mehr als einer halben Milliarde Menschen, die insgesamt Jahr für Jahr mehr als 18 Billionen Dollar an Wirtschaftsgütern und -dienstleistungen produziert, könnte gemeinsam ohne große Probleme noch viele Millionen weiter Flüchtlinge aufnehmen und unterbringen, bis der Krieg in Syrien ein Ende findet. Und wenn es mangels ausreichender Bevölkerung in Syrien zu wenige Soldaten für diesen Bürgerkrieg gibt. Doch bisher verhindern nationale Egoismen, die in Wirklichkeit selbst den einzelnen Nationen und der jeweiligen Bevölkerung schaden, eine für alle gut tragbare Lösung der Flüchtlingskrise. Der Tagesspiegel macht sehr deutlich: „Griechenland aber kann das Mittelmeer nicht trockenlegen, um auf dessen Grund Zäune zu bauen. Das Land ist auf dem Weg, zum Libanon Europas zu werden, zusammenzubrechen unter einer für seine Größe viel zu hohen Zahl von hungernden Flüchtlingen aus dem Nahen Osten.“

Und sieht wenige Ausweichmöglichkeiten der EU-Länder vor diesem Problem: „Viele Staaten der – wofür war das noch? – mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Europäischen Union scheinen sich in dieser schäbigen Haltung der Verweigerung recht komfortabel einzurichten. Dabei haben sie noch nicht begriffen, dass sie nur zwei Möglichkeiten haben: Entweder sind sie bereit, Hunderttausende, vielleicht Millionen von Flüchtlingen aufzunehmen, oder sie müssen sich mit viel Geld freikaufen. Eine dritte Variante gibt es nicht.“

Flüchtlinge zuerst kostensparend in Provinzen unterbringen

Es wäre unbedingt zu verhindern, dass Flüchtlinge in die teuersten Metropolen Deutschlands mit einem überlasteten Wohnungsmarkt drängen. Bis die Flüchtlinge für den Arbeitsmarkt in den europäischen Metropolen sprachlich und von der beruflichen Arbeitsqualifikatione her ausreichen weiter-  oder ausgebildet sind, sollten im Zeitalter von eLearning und des Internets auf preiswertere Länder und ländliche Regionen verteilt werden. Finanziert müssen diese aus einem europäischen Fonds werden. Dann würden sich wie Gesine Schwan wohl zurecht postuliert sogar Länder für Polen um diese Menschen und die damit verbundenen Finanzierungshilfen bemühen. Dann das bedeutet, dass neue Infrastruktur auch für die bisherige Bevölkerung neu von Brüssel (mit-)finanziert wird.

Flüchtlinge für die Rentenversicherung?

Ob die Sozialversicherungen langfristig einen Nutzen oder einen Nachteil durch die Flüchtlinge haben wird sich erst in Zukunft zeigen und ist vor allem stark davon abhängig ob deutsche Spitzenbeamte und Politiker, die Unterkunft und Ausbildung besser managen können als sie dies bisher taten. Ehrenamtliche können das Versagen der deutschen Eliten wohl kaum auf Jahre hinaus kompensieren. Der demographische Wandel sollte ein Ansporn sein, die Flüchtlinge, die hier bleiben werden schnell zu integrieren, auszubilden und zu Beitrags- und Steuerzahlern zu machen. Dazu müssten wohl schnell neue Wege in der Verwaltung und der politischen Entscheidungsfindung beschritten werden.

Staatsschulden bei abnehmender Bevölkerung als wahre Herausforderung

Bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise wäre es nicht zuletzt sehr hilfreich, diese Herausforderung ehrlich in ihrem Ausmaß ins richtige Verhältnis zu anderen Schwierigkeiten zu setzen, die viel größer sind. Mehr als 2 Billionen deutscher Staatsschulden stellen langfristig bei sinkender Bevölkerungszahl ein viel brisanteres Problem dar, als einige Jahre ein so großer Flüchtlingsandrang wie jetzt. Es gilt die wahren Probleme in ihrer jeweiligen Dimension zu erkennen und nicht Scheinprobleme künstlich zu vergrößern.

Am Ende des Interviews mit Anne Will gibt Angela Merkel erstaunlicherweise etwas zu: „Ich bin auch manchmal verzweifelt. Aber dann hoffe ich, dass aus der Verzweiflung wieder etwas Vernünftiges wird.“ Hoffentlich treibt eine europäische Verzweiflung die Entscheidungsträger auf den nächsten Gipfel zu Zusammenhalt und Einigung. Leider stört mit Horst Seehofer ein Mitglied der Regierungsparteien massiv bei der Lösung der Flüchtlingskrise, weil er populistisch so tut, als ob er nur über einen Horizont bis zur österreichischen Grenze verfügt und die internationalen Zusammenhänge und Abhängigkeiten nicht anspricht. Eine Abkehr vom europäischen Integrationsweg brächte extreme finanzielle, soziale und politische Kosten für alle Menschen in der Europäischen Union mit sich.

Nachtrag: EU-Kommission warnt vor Kosten durch Grenzkontrollen

Dafür könnte man vielen Flüchtlingen in den Flüchtlingslagern in Libanon, der Türkei und anderswo helfen: „Die EU-Kommission rechnet mit einer Belastung der europäischen Wirtschaft von insgesamt 7 bis 18 Milliarden Euro pro Jahr.“