Romantisches Bild von Inklusion

Der ARD-Film „Inklusion – gemeinsam anders“ wurde tagelang stark beworben. Welches Bild von Inklusion vermittelt er? Es geht vor allem um soziale Probleme.

Eine Schülerin im Rollstuhl ist unzufrieden, dass im Rahmen eines Theaterprojekts keine Texte vorgetragen werden, sondern mit Besen und anderen Gegenständen rhythmische Töne erzeugt werden. Sie trägt stattdessen Othello vor, wird von einem Schüler mit Lernproblemen ausgelacht. Daraufhin sagt, sie diesem Schüler, er sein, nur wegen Kindergeld in die Welt gesetzt worden und hätte besser abgetrieben werden sollen.

In der Elternsprechstunde einige Szenen zuvor befürchteten erregte Eltern, dass ihre Kinder für die berufliche Zukunft zu wenig lernen und von lernschwachen Schülern ausgebremst werden. Der Lehrer hingegen ist von der Inklusion überzeugt bis begeistert.
Beispielhaft für die Tendenz des Films: Ein Dialog zwischen Schulleiterin und „Inklusions-Lehrer“:
Wir brauchen den Schulhelfer. Ohne den geht´s nicht mehr.
Schulleiterin:
„Das weiß ich auch. Aber bis dahin musst´s Du irgendwie hinkriegen.“

Nach einem insgesamt gelungenem Trommelkonzert will der Lernschwache Junge das Mädchen im Rollstuhl umarmen, hat aber zu wenig Körpergefühl, drückt zu stark, das Mädchen schreit und stürzt.
Auf der Lehrerversammlung der „Inklusions-Lehrer“ zu diesem Vorfall:
„Es war meine Schuld. Ich hätte Paul nicht zum Mitmachen zwingen sollen. Wenn Paul die Schule verlässt, dann ist das eine Bankrotterklärung.”

Der Film möchte sichtbar zeigen, wie die Klasse zusammenhält, (Lern)Behinderte mit nicht Behinderten.
Kurzbewertung:
Er geht kaum oder gar nicht darauf ein, dass Lehrer riesige Probleme haben „normalen” Schülern möglichst gute Lese-, Schreib- und Mathematikkenntnisse für eine oft extrem fordernde Berufswelt zu vermitteln, wenn sie sich gleichzeitig um Schüler mit großen Lernproblemen kümmern müssen. Damit bleibt ein Kernproblem der Inklusion – von einer kurzen Elterndiskussion abgesehen – völlig auf der Strecke, also unberücksichtigt. Das Mädchen im Rollstuhl wird als spontan Othello Vortragende fernab jeder Realität idealisiert.

Link zur Spiegel-Rezension