Ideenlose Babyboomer als Konsumtierchen des Kapitalismus

Frank Schirrmacher rechnet mit seiner eigenen Generation ab. Die Babyboomer hätten in ihrer Marktgläubigkeit den Glauben an Ideen verloren, Europa verraten und die Marktwirtschaft respektive den Kapitalismus ins Wanken gebracht. An vielen Stellen mag man ihm zustimmen. Allerdings übersieht oder unterschlägt er jedoch einige Tatsachen, die seinen Thesen dann doch nicht untermauern bzw. geht er wohl nicht weit genug in seiner Analyse. Dazu kann man bisher 118 Kommentare lesen.
Demographisch geht es Schirrmacher um die Jahrgänge von etwa 1955 bis 1965. Tatsächlich haben wir es mit einer eher pragmatischen und weniger mit einer Generation voller Ideen und Visionen zu tun.

Schuldenmisere begann schon vor Babyboomern
Doch schon Altkanzler Helmut Schmidt, ein Kriegsteilnehmer, war nicht besonders für Visionen zu begeistern. Eben jener ist es auch in dessen Regierungszeit die Schulden der Bundesrepublik nach sündhaften Anfängen unter Willy Brandt endgültig explodierten. Was das mit der Generation der marktgläubigen Babyboomer zu tun hat? Ohne diese Massive Staatsschulden wäre Deutschland unabhängiger von den Finanzmärkten. Nur wer ständig auf diesen Märkten um Geld betteln muss, weil man nur durch diese den Sozialstaat finanzieren kann, macht sich von ihnen abhängig.

Statt mit Überzeugungskraft hätten sich die Babyboomer mit ihrer Kaufkraft den Karriereweg gebahnt. Ohne eigene Ideen muss man schließlich niemanden überzeugen. Sobald sich diese Generation ausreichend versorgt sah, habe sie sich aus der Politik – und um diese Sphäre geht es Schirrmacher fast ausschließlich – verabschiedet. In anderen Bereichen habe diese Generation durchaus ausgezeichnete Leistungen abgeliefert.
Nun könnte man logisch weitergehen und sagen, in der Politik sei eben für erstklassige Leute zu wenig zu verdienen, was den Weg für bestenfalls zweitklassiges oder gar nur drittklassiges Personal freimacht wie ein Kommentator auf faz.net meint. Das mag nicht ganz falsch sein.

Bildung als Voraussetzung
Doch geht es weniger um Kaufkraft als viel mehr um Bildung. Kaufkraft könnte sich schließlich sehr unterschiedliche Wege suchen, angesiedelt in der Bandbreite zwischen Antiquariat und Beate Uhse Katalog. Natürlich kommen Märkte auch ohne Bildung aus. Angebot und Nachfrage genügen. Latein und Griechisch erscheinen überflüssig. Geschichte ebenso. Im Produktionsbetrieb des Kapitalismus ist nur das verkaufbare Ergebnis relevant.
Daher werden die Nachfahren dieser Babyboomergeneration ihr möglicherweise vor allem das Express-Abitur in zwölf Jahren mit anschließendem Bachlor-Schüler-Studium vorwerfen. Ideen können bei Geisteswissenschaftlern zum Beispiel nicht mit Multiple-Choice-Tests in Ideengeschichte entstehen. Etwas mehr Zeit für Bildung sollte man dem Politnachwuchs während des Studiums noch lassen. Ansonsten geht es auch den nächsten Generationen so wie den Polit-Babyboomern. Ideenlos wird in Richtung Rente konsumiert; bis man für den Ruhezustand ausreichend Mittel zum Weiterkonsumieren angesammelt hat. Wie und wohin sich die Gesellschaft währenddessen entwickelt ist dabei dann zweitrangig.

Politberater und Babyboomer

Auf diese Weise fiel es den PR-Politberatern wohl nicht schwer, sich mit ihrem unseeligen Wirken in der Politik breit zu machen. Das Ergebnis müssen wir täglich ertragen: Politiker, die sich scheuen, Dinge beim Namen zu benennen, die konsequent an den wirklich drängenden Problemen vorbeiregieren und dafür oftmals Sprechblasen absondern. Ihre Parteien haben keine Ideen mehr, wohin sich die Gesellschafft hin entwickeln kann oder soll. Parteiideologie statt Ideen, PR-Floskeln statt sachlich fundierte Lösungsvorschläge für drängende Probleme. Die Politiker- und Parteienverdrossenheit (nicht Politikverdrossenheit) der Bevölkerung äußert sich somit in ständig steigenden Nichtwählerzahlen.

Hoffnungsschimmer am Horizont
Oder im Aufkommen einer Piratenpartei, die sich stark vom Politikstil bisheriger Parteien abgrenzt; indem sie sich radikal öffnet und zumindest proklamiert sich einzig und allein an den anstehenden Problemen abzuarbeiten, nicht an Posten und Pfründen. Vielleicht war es auch letzteres, was die Fähigsten unter den Babyboomern von der Politik fernhielt und dorthin lenkte, wo man unabhängig von Parteigunst allein aufgrund eigener Fähigkeiten seine Ideen realisiert und persönlich vorankommt. Damit bleibt womöglich nur noch die Hoffnung, dass eine Piratenpartei im nächsten Bundestag das Parteien- und Politsystem kräftig durcheinander wirbelt und ihr eine Frischzellenkur zukommen lässt.