Christian Wulff und die große Blamage für Journalisten

Ulrich Deppendorf und Bettina Schausten war bei genauerem Hinsehen am Ende des Interviews sichtlich unwohl. Warum wohl? Nun, sie hatten sich mit ihren Fragen offensichtlich blamiert. Schaustens Begrifflichkeit von „Präsident auf Bewährung“ wehrte Christian Wulff als abwegig ab, indem er darauf hinwies, dass er kein Straftäter ist. Deppendorf war weder selbst imstande sachlich zu recherchieren, dass die Kreditkonditionen für Wulff angesichts dessen Bonität und der Laufzeit der jeweiligen Kredite absolut marktüblich waren, noch tat das für ihn im Vorfeld ein anderer (Wirtschafts-)Journalist der ARD, Mitglied eines etwa 7-Milliarden-Medienbetriebs, zwangsfinanziert vom GEZ-Zahler.
Leider waren in den letzten Wochen auch kaum andere Journalisten der Privatmedien in der Lage, die Kreditkonditionen ordentlich einzuschätzen.

Endgültig blamierte sich das Duo, als Schausten ernsthaft forderte, Wulff solle Freunden, die er seit 35 Jahren kennt (bereits als 16-Jähriger) für eine Übernachtung 150 Euro zahlen. Sie würde das gegenüber Freunden tun. HaHa. Vielleicht sollten die beiden mal über die Pressekonditionen sprechen

Deppendorf zog darauf hin den abstrusen Vergleich mit einem Beamten, der zu reichen Unternehmern dienstlichen Umgang hat, was bei Wulff allen bisherigen Veröffentlichungen zu diesem Pseudoskandal nach niemals der Fall war.
Dieser Medienzirkus wird selbst vom „einfachen Bürger“ allmählich durchschaut. Journalisten, die meinen, derart mit ihrer Medienmacht umgehen zu können, zeigen die Medienkonsumenten wohl immer häufiger den Mittelfinger, indem sie inzwischen auch auf Smartphones kostenlose Internetartikel lesen, und immer weniger Zeitungsabos abschließen. Oder drehen Journalisten gerade komplett durch angesichts der Tatsache, dass sie dabei sind, im Social-Media-Zeitalter mit Blogs, Facebook und Google+ ihre Gatekeeperfunktion und Deutungshoheit zu verlieren?

Ist unsere Pressefreiheit dazu da, um eine große emotional aufbereitete Story über die private Nichtbeziehung unseres Bundespräsidenten zu seiner Stiefschwester zu berichten, mit der er sich vor 17 Jahren zerstritten hat? Ist dieser Umstand wichtig für unsere (Medien-)Demokratie? Ist der Kredit des väterlichen Freundes, mit dem Wulff laut bisheriger Berichterstattung nie geschäftliche oder dienstliche Beziehungen im üblichen Sinne hatte in irgendeiner Weise relevant für das Funktionieren der Demokratie? Wen soll es verwundern, dass angesichts einer solch schäbigen Berichterstattung auch einem Bundespräsidenten der Kragen platzt und dieser dann den dummen Fehler macht, in dieser Weise mit Journalisten bzw. deren AB zu sprechen? Der Rücktritt eines Bundespräsidenten ist deshalb nicht notwendig, eher der einiger Redaktionsleiter wegen ihrer Unfähigkeit zu einer wirklich für die Demokratie sinnvollen Berichterstattung, die zwar niemand genau definieren kann. Doch die wenigsten Bürger werden es als wichtige Nachricht bewerten, ob die Frau des Präsidenten, der 200.000 Euro jährlich verdient, alle ihre Kleider selbst bezahlt.

Inzwischen haben Politiker alle Instrumente, um mittels Internet die Bürger auf Smartphones, internetfähigen Fernsehern und Computern zu erreichen – ohne Pseudo-Journalisten als verfälschende Mittler für die öffentliche Meinung. Den Bürgern ist jedoch wohl schon lange klar, dass Promis, Profisportler und Spitzenpolitiker schon wegen ihres Reichtums Sonderkonditionen bekommen – wie auch Journalisten. Skandalisieren muss man dann diesen lächerlichen 500.000-Euro-Kredit für ein Einfamlienhaus nicht mehr. Außer, man ist Journalist der Angst hat vor seinem Machtverlust und gerne sein journalistisches Ego rauskehrt.