Die Arbeitsweise der Journaille am Beispiel Wulff

Die Journaille bringt mal wieder nichts besseres als einen Pseudo-Skandal hochzukochen. Sie „drehen das Thema weiter“ und gehen ins Detail, ob oder wie groß der finanzielle Vorteil des Privatkredits der Familie Geerkens für Wulff war.

Da die meisten Journalisten kaum Ahnung von Finanzen haben, gehen sie „Experten“ auf dem Leim, die man als Journalist gerne zitiert, um in Wirklichkeit seine eigene Meinung zu einem Thema zu transportieren. 
Die FAZ beruft sich auf den Zinsradar von Interhyp und den Bankenverband, um „festzustellen“, dass der Zinssatz für den Privatkredit damals sogar ungewöhnlich teuer gewesen sei und Wulff bei Banken besser weggekommen wäre.

Focus.de schmeißt sich an den Kölner Finanzrechtler Uwe Diekmann ran, der dann brav von 20.000 Euro Zinsvorteil für Wulff schwadroniert. Dieser „Finanzexperte“ stellt die unsinnige Behauptung auf, der marktübliche Zins hätte 8-10 Prozent betragen müssen. Dabei hatte die EZB den Zinssatz im Zuge der Finanzkrise massiv gesenkt. Nur Schwachmaten können glauben, dass Banken einem Ministerpräsidenten keinen günstigen Kredit für den Immobilienkauf anbieten würden. Zudem hatte im Oktober 2008 vor allem die Familie Geerkens von dem Zinssatz von 4 Prozent profitiert. Zur Erinnerung: Damals standen wir auch in Deutschland vor einem Bankrun. Das Bankensystem drohte zusammenzubrechen.
Was ist sicherer für Geerkens als in einer solchen Situation einem Ministerpräsidenten Geld für den Kauf eines Sachwertes zu geben, einer Immobilie.
Die 500.000 Euro wären z.B. bei einer Commerzbank nur zum geringen Teil abgesichert gewesen, hätte der Staat bei der Bankenrettung größere Fehler gemacht. Doch soweit können/wollen Journalisten nicht denken, wenn sie Schlagzeilen produzieren möchten. Vorteilnahme im Amt konnte noch kein Schreiberling durch Recherchen in diesem Fall nachweisen. Solange hätten sich seriös arbeitende Journalisten die S-1-Schlagzeilen verkniffen.

Das Handelsblatt und die Wirtschaftswoche schreiben im Titel übrigens von tumultartigen Szenen (Quelle: Handelsblatt) bei einem Wulff Auftritt in Berlin anlässlich der Wiedereröffnung der Gedächtniskirche. Normalerweise denken die meisten Leser wohl zuerst an linke Gruppierungen, die Randale machen wollen und dem CDU-Mann Wulff zu enge Verquickung mit Wirtschaftsmenschen unterstellen.
Aber nein. Es sind Journalisten, die mit lauten Schreien (so stellen manche Fragen) und Bedrängen des Bundespräsidenten für die tumultartigen Szenen sorgten. Danach haben sie dann selbsterzeugtes Material für ihre Skandal-Schlagzeilen. Prost Malzeit, armes Medien-Deutschland.

Jämmerlicher Präsident – noch jämmerlicherer Journalismus

 

Wie farblos dieser Bundespräsident Christian Wulff ist, zeigt sein mangelndes Selbstbewusstsein im Umgang mit dem Kredit der Frau eines väterlichen Freundes (so die erste Information), dem der Bundespräsident damit ebenfalls einen Gefallen tat. Denn in Zeiten der Finanzkrise mit historisch niedrigen Zinsen hätte der Unternehmer Geerkens von keiner Bank vier Prozent Zinsen für sein Geld bekommen. Wulff zahlte diese vier Prozent und bekam im Gegenzug damit einen Kredit, der etwas unter den Marktkonditionen für Normalsterbliche lag. Vielleicht hätte er sogar als Ministerpräsident den gleichen niedrigen Zinssatz von einer Bank bekommen. Aber er hatte ja den väterlichen Freund.

Dass dieser heute dem Spiegel erzählt, nicht seine Frau, sondern er habe in Wirklichkeit den Betrag von 500.000 Euro an den damaligen Ministerpräsidenten Christian Wulff vergeben, lässt die Freundschaft nun wieder etwas weniger freundschaftlich aussehen. Doch vielleicht ärgerte sich Unternehmer Geerkens nur, dass Wulff nicht die Mut hat, zu diesem völlig harmlosen Kreditgeschäft in aller Öffentlichkeit zu stehen.

Was hat das nun mit der Jämmerlichkeit des deutschen Journalismus zu tun? Gleichzeitig zur Debatte um den vorpräsidialen Kreditdeal, droht die Partei unterzugehen, die in der Bundesrepublik 48 Jahre lang mitregierte, die FDP. Der Generalsekretär Christian Lindner hatte völlig überraschend das Handtuch geworfen. Was steht am folgenden Nachrichtentag überrall auf Seite 1 der Zeitungen? Präsidentenbashing. Obwohl zu diesem Zeitpunkt noch die Frau des Unternehmers Kreditgeberin war, was für Journalisten offenbar einen großen Unterschied ausmacht. So als ob Frau und Herr Geerkens nicht miteinander sprechen würden.
Gleichzeitig vergleichen einige Journalisten den „Fall“ Wulff mit Johannes Rau, der als langjähriger Ministerpräsident nun wirklich bis zum Hals im NRW-Filz steckte. Von Wulff sind bis dato keinerlei derartige Verstrickungen bekannt. Dennoch lassen sich einige Schreiberlinge dazu herab unterschiedlichste Fälle fast gleichzusetzen, wo himmelweite Unterschiede festzustellen sind. Die FDP interessiert die Herren Journalisten auf der Titelseite schon weniger. Für Zeitungen, die auf so billige Weise offensichtlich ihre Auflage steigern wollen, werden sich hoffentlich ebenfalls immer weniger zahlende Leser interessieren. Anstatt Wulff massiv für seine blasses, inhaltsleeres Gelabere in Zeiten der größten Finanzkrise seit den 20er Jahren zu kritisieren, die das europäische Einheitsprojekt zu zerstören droht, sabbern Journalisten wegen eines 500.000-Euro-Häuschenkredits rum.

Erfolg und Misserfolg Angela Merkels in Brüssel

Inzwischen hat sich der Rauch nach der Krisenkonferenz in Brüssel etwas verzogen. Großbritannien steht im Abseits und hat bis auf Weiteres nichts mehr in der EU zu melden. Die deutsche Fiskaldisziplin soll in einem Kerneuropa durchgesetzt werden. Dazu erhält Brüssel wohl feste Durchgriffsrechte auf die europäischen Hauptstädte und deren Haushaltsplanungen. Insofern hat sich Merkel sehr gut verkauft und durchgesetzt. Verkannt wird etwas, dass nationale Souveränität in keiner Weise für diejenigen Länder eingeschränkt werden wird, die solide wirtschaften. Insofern kann man nicht politisch von den Vereinigten Staaten von Europa sprechen; nicht einmal vom Weg daraufhin. Dazu sind die nationalen Vorbehalte in allen Ländern zu groß; insbesondere in den mittelosteuropäischen Ländern, die erst 1989 ihre Souveränität erhalten haben, nachdem das Sowjetreich mit seinen Satellitenstaaten zusammengebrochen ist.

Ein Misserfolg ergibt sich darin, dass Merkel immer noch eine defizitäre Krisenkommunikation betreibt. Nur zwischen den Zeilen ist erkennbar, dass Eurobonds auch in Berlin nicht ausgeschlossen werden. Offiziell verkünden vor allem Unionspolitiker immer noch landauf, landab, es dürfe keinen deutschen Zahlmeister in Europa geben, keine Transferunion und keine Eurobonds.

Richtig ist, dass es seit Jahrzehnten eine Transferunion zugunsten französischer Bauern und griechischer wie spanischer Olivenanbauer gibt; Deutschland ist seit ewiger Zeit Nettozahler, profitiert aber ebensolange von riesigen Exportgewinnen im europäischen Binnenmarkt und von den durch die Krise niedrigsten Zinsen für die deutsche Staatsverschuldung und die deutschen Häuslebauer.

Daher ist es dumm, in aller Öffentlichkeit den gegenteiligen Eindruck zu erwecken.
Denn Eurobonds gibt es schon lange, weil die EZB mit Milliardenbeträgen europäische Staatsanleihen aufkauft und alle Europäer, vor allem deutsche Steuerzahler, dafür haften. Wähler lassen sich nicht ewig für dumm verkaufen. Klüger wäre es, offen zu sagen, dass Deutschland erfolgreich die haushalterische Disziplin in ganz Europa durchgesetzt hat, und nun im Gegenzug auch finanziell stärker helfen muss, bis die Südländer wirtschaftlich erstarkt sind und wieder selbst erfolgreich exportieren. Das ist das ureigenste Interesse Deutschlands, das auf die Absatzmärkte in Spanien, Portugal, Italien usw. angewiesen ist. Ohne diese Absatzmärkte hat die deutsche Exportindustrie mit Millionen von deutschen Arbeitsplätzen und dem davon abhängigen deutschen Sozialstaat bald riesige Probleme und die Regierung in Berlin ein ebenso großes Problem mit wegbrechenden Einnahmen an Steuern und Sozialabgaben.

Wird diese Wahrheit in aller Öffentlichkeit diese Wahrheit verschwiegen, gerät die unionsgeführte Regierung bald wieder mit einer 180-Grad-Eurobondswende bei den eigenen Wählern unter Rechtfertigungsdruck. Plötzlich sollen diese dann mal wieder das Gegenteil dessen glauben, was die Kanzlerin wenige Monte zuvor verkündet hat. Den verunsicherten Menschen muss reiner Wein eingeschenkt werden. Auch Deutschland kann nicht nur die Exporterfolge überproportional genießen, ohne sich dann an der Bewältigung der Krise finanziell ebenfalls überproportional stark zu beteiligen. Wenn Angela Merkel nicht von ihrer Verheimlichungs- oder Beschwichtigungsrhetorik abweicht, liegt in ihrem Erfolg schon folgender Misserfolg begründet.