Ägypten: Obama betet und Merkel denkt über Pakt für Wettbewerbsfähigkeit nach

Der Westen mit seiner freiheitlichen und demokratischen Parolen steht vor dem Offenbarungseid. Auf dem Tahrir-Platz gibt es Tote und Schwerverletzt. Was tun die westlichen Regierungschefs? Obama betet, Merkel bastelt gerade jetzt an einem Pakt für Wettbewerbsfähigkeit. Mit Westerwelle, der von Stabilität faselt, sollte man erst gar nicht mehr rechnen.
Schon einmal, 1989 beziehungsweise 1981 als sich in Polen die Solidarnosc gründete, versagte eine deutsche Regierung, die im Moment einer breiten Freiheitserhebung diktatorische Machthaber stützte. Wiederholt sich nun dieses antidemokratische Verhalten?

Jahrelang haben die westlichen Regierungen folternde Diktatoren in Nordafrika gestützt. Jetzt wäre es an der Zeit, endlich die Opposition und die Demonstranten mit allen möglichen Mitteln wie Geld, Beratung und institutionellem Rückhalt in ihrem Streben nach Freiheit, Menschenwürde und bezahlbaren Lebensmitteln zu unterstützten.

Peinlich für deutsche Medien ist, dass erst nach neunTagen andauernder Unruhen (Chronologie) einer der Hauptauslöser in den Fokus rückte. Bei einem Verdienst von nur etwa 37 Euro im Monat müssen Menschen für einen Kilo Erbsen nach zum Teil verdoppelten Lebensmittelpreisen mehr als ein Euro bezahlt werden muss. Neben jahrzehntelanger Unterdrückung und Folterung waren die steigenden Marktpreise für Lebensmittel der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Kommunikationsmittel wie Facebook und Twitter begünstigen mit ihrer vergleichsweisen Anonymität die Protestbewegung.

Nun wird es höchste Zeit für die EU-Länder und die USA nicht nur rhetorisch Mitgefühl zu äußern, sondern die Oppositionellen effektiv zu unterstützen. Stabilität ist das eine. Auch das NS-System und andere Folterdiktaturen waren lange stabil. Freiheit, Wohlstand und Demokratie, die den Ägyptern ihr Leben wert sind, haben einen eigenen Wert. Deutsche Politfunktionäre scheinen sich von solchen fundamentalen Werten keine Vorstellung mehr zu machen. Man kann den Ägyptern nur weiterhin so viel Mut wünschen, um nach einem erfolgreichen Aufstand frei ihre eigene Zukunft in die Hand nehmen zu dürfen.