Meinungsfreiheit und Eva Herman

(Regelmäßige kommentierte Hinweise mit Links zum Diskussionsverlauf in den Medien erfolgen ganz unten)

Eva Herman wurde gestern von Johannes B. Kerner mit schön formulierten Worten aus der Sendung rausgeworfen. Dabei gibt es keine Zeitung, die Herman unterstellt, sie sei nationalsozialistisch veranlagt. Dennoch geben ihre sehr konservativen Einstellungen offenbar vielen Leuten Anlass, sie zu bekämpfen, schon lange bevor sie folgende Äußerungen von sich gab:

„Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er-Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68ern wurde damals praktisch alles, das alles [abgeschafft], was wir an Werten hatten. Es war eine grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle. Aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft. Es durfte nicht mehr stehen bleiben.“

Die Interpretation, auch ob sie sich auf die Nazizeit oder mehr auf die Weimarer Republik besinnt, divergieren vonaneinander; der Stern liest das Zitat anders als die FAZ. Letztere gibt sich zumindest noch die Mühe, eine weitere Klarstellung von Herman zu ihrer Gesinnung zu zitieren:

„Was ich zum Ausdruck bringen wollte, war, dass Werte, die ja auch vor dem Dritten Reich existiert haben, wie Familie, Kinder und das Mutterdasein, die auch im Dritten Reich gefördert wurden, anschließend durch die 68er abgeschafft wurden. Vieles, was in dieser Zeit hochgehalten wurde, wurde danach abgeschafft.“

nachträglich von mir ergänzter Absatz:
Dass es nicht um eine mögliche Nähe Hermans zu rechtsradikalem Gedankengut geht, wird klar, als ein Tondokument von der damalitgen Buchvorstellung Hermans zu Beginn der Kernersendung (über die ZDF-Mediathek zur vollständigen Aufzeichung der Kernersendung gehen) eingespielt wird, in dem Hermann folgendes sagte: „Wir müssen den Familien Entlastung und nicht Belastung zumuten und wir müssen auch eine Gerechtigkeit schaffen zwischen kinderlosen und kinderreichen Familien und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde.“ Dies ist eine eindeutige Aussage. Die von Herman postulierten Werte hätten ihrer Meinung nach vor und nicht während des Nazireiches bestanden und seien danach mit dem Nazi-Regime und laut Herman auch unter dem Einfluss der 68er-Denkweise abgeschafft worden. Dass diese eindeutige und unmissverständliche Aussage von Herman in der Kernersendung und wohl in der gesamten Presse konsequent ignoriert wird, muss als Armutszeugnis unserer Medienlandschaft bezeichnet werden.

Aber um die familiären Werte in der Nazizeit oder in der Weimarer Republik, die der Stern wohl auf die Werte der Avantgarde begrenzt, geht es nicht einmal im wesentlichen, da ja allen klar ist, dass Herman sich auch gegen Rechtsradikale engagiert und sich keinerlei Sympathien für das Nazi-Regime hingibt. Worum geht es dann? In Kerners Show waren wohl nicht zufällig nur Gäste eingeladen, die den Geist und das Frauenbild der 68er verkörpern. Damit war die Sendung schon von Anfang an auf eine Konfrontation hin ausgerichtet.

Stattdessen hätte noch jemanden eingeladen werden können, der die Tendenz der Familienministerin und der SPD kritisch sieht, Mütter mit finanziellen Anreizen sofort in die Produktionsreihen unserer Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft einzugliedern. Zusätzliches Geld gibt es nur für die Mütter die ihre Kinder schnell abzugeben bereits sind. Das Familiengeld, das nur annähernd ein Stück Wahlfreiheit garantieren könnte, wird von vielen abgelehnt.  Aber auch darüber wurde weniger akzentuiert gesprochen.

Herman sollte in der Talkshow schlicht und ergreifend Abbitte leisten dafür, wie oder dass sie über den Nationalsozialismus spricht und ihn für einen Vergleich herangezogen hat. Dieser Vergleich müsste natürlich ergeben, dass jegliche Anlehnung aktueller Familienpolitik an die NS-Familienpolitik unakzeptabel und menschenverachtend sei. Doch das ist ohnehin eine banale Erkenntnis, die Herman mit unpräzisen mündlichen Aussagen und auf Grund ihrer historisch wenig ins Detail gehenden Äußerung ungewollt und dümmlicherweise vernebelte. Für diese schwammige Ausdrucksweise könnte sie sich durchaus entschuldigen. Ihre wenn auch noch so strittige Meinung muss sie in einer Demokratie jedoch aussprechen dürfen. Dass das in Deutschland nicht immer so möglich ist, zeigt folgende Beschreibung des Diskussionsverlaufs in der Welt und darin der Gebrauch der Formulierung „die gleichgeschaltete Presse.“:

„Eva Herman kann nur noch mit Mühe das Zittern ihrer Unterlippe beherrschen. Sie steht jetzt mit dem Rücken zur Wand. In ihrer Not verweist sie „auf die tausenden von Briefen“, die sie seit ihrem Rauswurf beim NDR angeblich von Fürsprechern bekommen hat – und tritt prompt wieder in einen Fettnapf: Die Absender dieser Briefe redeten ganz anders über sie als „die gleichgeschaltete Presse.“
Kerner: „Schon wieder ein nationalsozialistischer Begriff.“
Herman: „Spiegel-Online hat ihn aber auch schon benutzt.““

Die Meinung, die Herman offenbar einigen Menschen nach nicht in der Öffentlichkeit vertreten darf, ist folgende:

Die 68er seien mit ihrer Auffassung von Familie und Politik viel zu weit von dem abgewichen, was für Kinder gut sei und lassen den Kindern nicht das zukommen, was für sie am wichtigsten sei: Die Beziehung zur Mutter in den ersten drei Lebensjahren, anstelle der Beziehung zur Betreuerin im Hort während der Arbeitszeit von Müttern.

Dem kann man widersprechen und versuchen andere, gegenteilige Studien anzuführen, als die, mit denen Herman aufwartet. Aber, wie Kerner es tat, Herman aus der Sendung zu werfen, weil Senta Berger und Co sonst die Sendung von sich aus verlassen wollten, ist ein erbärmliches Verhalten und ein Davonlaufen vor dem öffentlichen Diskurs. Andere, auch missliebige Meinungen, sogar Vergleiche, muss man aushalten. Eine demokratische Diskussionskultur und freie öffentliche Meinungsäußerung verbieten es, jemanden von öffentlichen Diskussionen fernzuhalten, weil man selbst mit einer Haltung eines Diskussionsteilnehmers nicht zurecht kommt. Ist die deutsche, in Medien veröffentlichte Meinungsbildung also noch in einem rudimentärem intellektuellem Stadium stecken geblieben?

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Hinweise und Anmerkungen zu der Diskussion u.a. in den Feuilletons (jeweils das zuletzt eingefügte ganz unten):
Inzwischen wurden auf Welt Online die zwei ersten Teile des Wortprotokolls der Sendung und nun auch der Rest veröffentlicht.

Hier ein Teil des Diskussionsverlaufs bei Kerner unmittelbar vor dem Rauswurf.
 

P.S. Mit der Aussage aus dem Kernertondokument in dem von mir nachträglich eingefügten Absatz dürfte Herman ausgezeichnete Chancen im arb
eitsrechtlichen Prozess gegen den NDR haben und die Begründung ihrer Kündigung (problematische Aussagen, nahe zum Nationalsozialismus, die den Sender schaden würden) leicht als unrichtig beweisen können.

P.P.S. Inzwischen kann man wenigstens bei Focus das in anderen Medien bis dahin meistens unterschlagene eindeutige Zitat nachlesen. Focus erwähnt auch Hermans Aussage aus der ZDF-Sendung, dass der Sender RTL Aufzeichnungen der Pressekonferenz  zurückhalte.

Zum Niveau von Senta Berger oder der anderen Gesprächspartner ja nach Richtigkeit des Zitats entweder des Standards oder bei Focus  (bei Standard.at und Focus )gefunden:

Der Standard:
„“Das ist eine Ebene die geht nicht, da muss ich mich jetzt davon distanzieren hier zu sitzen“, so Schreinemakers. Es sei müßig über ein Buch zu reden, „das ich nicht gelesen habe“, sagte Berger. „Ich gehe jetzt gerne.“ Schließlich verabschiedete sich Kerner von Herman.“

Version von Focus:
„Es sei müßig über ein Buch zu reden, das die anderen Gesprächspartner nicht gelesen hätten, sagte Berger.“

Warum kommt dieses Frau dann überhaupt in diese Sendung, in der eben genau über die Bücher und die Thesen von Eva Herman diskutiert werden sollte? Kerner war dazu offenbar nicht willens oder in der Lage.

Zum fehlendem Mut von Politikern (hier des hessischen Wirtschaftsministers) für Meinungsfreiheit einzutreten (Spiegel Online):

„Die Anfrage, Eva Herman auszuladen, sei am Vormittag vor der Konferenz in Fulda gekommen. Als sich das Forum weigerte, dieser Aufforderung folge zu leisten, sei eine Stunde später die Absage des Ministers gekommen. „Ich finde es traurig, dass Politiker auf Mediendruck so schnell in die Knie gehen“, sagte Gindert. „Ich frage mich: Wie können wir uns auf solche Politiker verlassen, wenn Deutschland einmal wirklich in eine Krise gerät.“ Ein Sprecher Rhiels wollte die Vorwürfe nicht kommentieren.“

Einige weitere Diskussionspassagen bei der Welt Online, die hier ankündigt, in Kürze den gesamten Diskussionsverlauf verschriftlicht online zu stellen. Das wäre dann Schwarz auf Monitor ein blamable Dokumentation für Kerners Talkshow.

Zum so genannten neutralen Experten Wippermann:

aus dem oft zweifelhaften und an einer Stelle schon wieder gefälschtem Wikipedia trotzdem ein scheinbar richtiger Eintrag (er war jedoch sicher nie Mitglied einer studentischen Verbindung, wie aktuell noch auf Wikipedia behauptet wird; 10.10.07, 18.05 Uhr) zu Wolfgang Wipperman bei Wikipedia:

Wippermann Ansichten und Meinungen werden kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite stehen Befürworter seiner Thesen, die ihn als Streiter für eine soziale und demokratische Zivilgesellschaft sehen. Auf der anderen Seite wird ihm die angebliche Verharmlosung kommunistischer Verbrechen vorgeworfen.

So vertritt der Wissenschaftler die These, unter Lenins Herrschaft seien in der Sowjetunion die Opfer „nach streng wissenschaftlichen Kriterien“ ausgewählt worden, was ihm den Vorwurf der angeblich mangelnden Empathie gegenüber den Opfern des Sowjetkommunismus einbrachte.

Aus einer seriösereren Quelle (Rundfunk Berlin-Brandenburg) lassen sich Wippermanns politische Neigungen auch zwischen den Zeilen deutlich herauslesen. Leider war er nicht in der Lage, sich mit den tatsächlichen Aussagen von Herman zum Dritten Reich sachlich auseinander zu setzen:

„“Sie verwechselt Konservativismus mit Nationalsozialismus“, letzterer habe „Rassenzucht und Rassenvernichtung betrieben“ und „Frauen zu Muttertieren erniedrigt“. Und er forderte die 1958 geborene Moderatorin auf, sich „von diesem rassistischen Frauenideal zu distanzieren“, als habe er nicht Eva Herman vor sich, sondern die wiedergeborene Eva Braun.“ (wie auch unten aus Spiegel Online)

Da Wippermann bereits 1978 habilitiert wurde und es bis jetzt außer zu Gastprofesuren nur zum apl. Prof. gebracht hat, scheint er nicht  der ausgewiesene und anerkannte Experte auf seinem Gebiet zu sein.

Sein Werdegang findet sich hier.

Das Niveau der Diskussionsrunde auf den Punkt gebracht (Spiegel Online):

„…rüstete Kerner nach und brachte eine argumentative Kanone in Stellung, um einen Spatz abzuknallen: Er konfrontierte Eva Herman mit einem Zitat von Alfred Rosenberg, dem Vordenker der Nazis („Der Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts“), über „hemmungslosen Individualismus“, einen Begriff, der auch bei Eva Herman vorkommt.

Das war so fair, als würde man einen Nichtraucher und Vegetarier zu einem späten Verbündeten von Adolf Hitler erklären. Und da verlor sogar Eva Herman die Contenance. „Ich möchte nicht mehr Stellung nehmen“, sagte sie, „es sind auch Autobahnen gebaut worden, und wir fahren heute drauf.“ Worauf Kerner feststellte: „Autobahn geht nicht!“, Senta Berger drohte: „Ich gehe jetzt!“, und Margarethe Schreinemakers kreischte: „Das ist unerträglich!““

Leider ist Henryk M. Broder jedoch nicht näher auf die eigentliche Medienkampagne eingegangen.

Dies geschieht zumindest im Ansatz endlich bei Andreas Zielcke in der SZ unter dem Titel

Unredliche Selbstgerechtigkeit – Der Umgang mit Eva Herman verkennt die deutsche Gretchenfrage: Wie verrät sich braunes Denken?

 
Auch auf Readers Edition findet man einmal wieder etwas sehr Lesenswertes, wobei ich mit einigen Aussagen nicht übereinstimme:

Über toxisches Material
und über
Redefreiheit und „professionalisierte“ Meinungsbildung

Dass sich die Leser nicht als „dumme Masse“ für dumm verkaufen lassen, erkennt man in den Foren von der Taz bis zu Focus, insbesonder hier beim Stern, wo die Redaktion endlich aufzuwachen scheint wie ihre Reaktion auf einen Stern-Artikel im eigenen Forum zeigt, der das Meinungsbild der eigenen Leser vollkommen verdrehte und falsch darstellte:

Medien- und Selbstkritik

(Redaktion (10.10.2007, 18:02 Uhr))

„Liebe User,
vielen Dank für Ihre Kommentare …
Und Sie haben Recht: In der Tat stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage nach dem Umgang der Medien mit sich selbst und mit Menschen, die darin vorkommen.
Wir haben das Thema erkannt und sind bereits in der Recherche – Sie werden in Kürze einen Artikel zu diesem Thema auf stern.de finden.
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Redaktion“

ähnlich wie viele andere Leser hatte sich jemand folgendermaßen geäußert:

styberman (11.10.2007, 10:39 Uhr)

„Das sagen die Leser“ – ein Hohn

„Glauben Sie, Ihre Leser könnten nicht lesen? Halten Sie sie für blöd? Wie lange wollen Sie sich noch leisten, vor den Augen der Leser die
Wahrheit zu verdrehen, bis sie Ihnen in den Kram passt?
Wer sich das stern-Forum angeschaut hat (oder spiegel oder zdf), der weiß, das ein Großteil der Meinungsäußerungen folgendermaßen zusammenzufassen ist:
a) ich bin nicht unbedingt Hermans Meinung, was Familienpolitik angeht
b) aber Kerners Sendung war ein unwürdiger Schauprozess“

Hoppla, hier mal eine Journalistin die in der „Berliner Zeitung“ zum Kern der Sache vorstößt und sich den entscheidenden Satz zu schreiben traut, bevor sie wieder auf Abwege gerät. Warum? Um sich vor ihren Kollegen zu schützen? Das Wort „eigentlich“ kann man getrost weglassen. Dieser Satz (im obigen Blogartikel zitiert) wird wahrscheinlich Eva Herman im Gerichtsstreit mit dem NRD zur Siegerin machen.

„Und eigentlich ist der Tonbandmitschnitt jenes wirren Satzes, der ihre Kündigung ausgelöst hat, geeignet, sie zu entlasten.“

Einen Lichtblick im Mediendunkel bietet doch noch Harald Jähner, wieder in der Berliner Zeitung, in seinem Kommentar „Die Johannes-B.-Kerner-Familie“, in dem er bestimmte Mechanismen beschreibt und treffend formuliert:

„Kerner hätte aus Prinzip sich dem Druck der aufgebrachten Margarethe Schreinemakers und der inhaltlich indisponierten Senta Berger nicht beugen dürfen und notfalls mit der bockigen Herman am Ende alleine dasitzen müssen. Aber dafür fehlt es ihm an Orientierung und Charakter.“

weiter bemerkt er:

„Es muss doch einen Grund haben, dass, wann immer man den Fernseher anschaltet, irgendein Komiker vom Schlage Mario Barths seine Spässchen macht oder einer wie Schreinemakers und Kerner so tut, als seien wir alle eine große, sich duzende Familie. Deren linksliberale Korrektheit reagiert in der gleichen spießigen Weise auf fundamentale Kritik, wie die damals sogenannten Kleinbürger auf die Herausforderungen der 68er.“

Zu Harald Schmidts Nazometer, der sich damit auf Eva Hermans Rauswurf bezog:

„Unter diesen Umständen heißen die Helden des neuen Widerstands Schmidt und Mosebach. Mit dem Namen Harald Schmidt wird man dereinst die Verteidigung des Lachens verbinden und mit dem Namen Martin Mosebach die Verteidigung der offenen Rede. Wo beides bedroht ist, könnte es einem doch egal sein, ob man von Faschisten oder von Antifaschisten beherrscht wird. Es gibt eine Humanität jenseits der Revolution. Wir fügen hinzu: auch jenseits der Medien.“

aus: Deutschlandradio Kultur von
Andreas Krause Landt, Verleger und Journalist, geb. 1963 in Hamburg. Studierte in Heidelberg und Berlin Germanistik, Philosophie und Geschichte. Seit 1997 Mitarbeiter der „Berliner Zeitung“. 1999 erschien sein Buch „Scapa Flow. Die Selbstversenkung der wilhelminischen Flotte“; 2005 „Holocaust und deutsche Frage. Ein Volk will verschwinden“ in der Zeitschrift Merkur (Heft 680)

Weitere Aktualisierungen bzw. Hinweise folgen hier gegebenenfalls.

Vor allem sollte sich jeder seine abonnierte Tageszeitung mal daraufhin ansehen, ob diese die Medienhetze auf Herman mitmacht oder doch gründlicher die wirklichen Aussagen Hermans recherchiert und zitiert. Eventuell wäre eine Kündigung des Abos unter Mitteilung des Grundes an die Redaktion vielleicht durchaus angezeigt.

Fernsehduell im polnischen Wahlkampf

Polens politisches Personenkarussell dreht sich im Wahlkampf munter weiter. Zwei von ihrer alten Partei, der SLD (Postkommunisten) verstoßene Expremiers, Leszek Miller und Jozef Oleksy, schlüpften kurzerhand unter das Dach der linkspopulistischen Samoobrona (Selbstverteidigung) Andrzej Leppers. Miller kandidiert direkt für das Parlament, Oleksy entschied sich dann wieder anders und steht nun als außenpolitischer Berater zur Verfügung. Samoobrona kämpft verzweifelt um die Fünf-Prozent-Hürde, die sie zum Einzug ins Parlament nehmen muss.

Dem Gegner die Frau ausgespannt

Doch der personell größte Coup glückte mal wieder Jaroslaw Kaczynski von der Regierungspartei PiS. Ihm gelang es die Frau seines Gegenspielers Jan Rokita von der PO bei den letzten Parlamentswahlen 2005 auf seine Seite zu ziehen. Nelly Rokita kandidiert nun auch für das Parlament, nachdem sie eine Woche vorher als Beraterin in Sachen Frauenpolitik beim Präsidenten Lech Kaczynski anheuerte. Ihr Mann verzichtet „aus Liebe” zu ihr bis auf weiteres auf Ämter und Mandate in der größten Oppositionspartei PO. Allerdings hatte es zwischen ihm und dem Parteichef Donald Tusk auch innerparteilich Konflikte gegeben. Im Jahre 1976 siedelte Nelly Rokita mit ihrer Familie zuerst aus der Ukraine nach Deutschland um und studierte in Hamburg. Bei Recherchen zu ihrer Magisterarbeit traf sie ihren Mann dann 1986 in Krakau. Es soll Liebe auf den ersten Blick gewesen sein, die beide zusammenführte und die nun Jan Rokita wohl zum politischen Verzicht veranlasste, zumindest vorläufig. Über Jan Rokita wird schon gemunkelt, er könne trotzdem nach den Wahlen am 21. Oktober direkt in die Regierung berufen werden.

Ebenfalls für die PiS konnte Antoni Macierewicz gewonnen werden, der nach dem letzten Wahlsieg für Kaczynski den militärischen Geheimdienst WSI auflöste, in dem bis dahin noch in Moskau ausgebildete Agenten aus der Zeit von vor 1989 saßen.

Unruhe durch streikende Ärzte

Probleme machen dem sich zur Wiederwahl stellenden Premier derzeit die streikenden Ärzte. Sein Gesundheitsminister Religa, selbst ein bekannter Herzspezialist, muss ständig beteuern, alle Patienten in den Spitälern würden ausreichend versorgt. Dennoch wurden ganze Krankenhäuser mangels genügender ärztlicher Kapazitäten evakuiert. Für Notfälle stünden keine in den jeweiligen Fachbereichen ausgebildeten Mediziner bereit. Anderen Kliniken wird vorgeworfen, den Betrieb aufrecht zu erhalten, obwohl die notwendige Betreuung für Notfälle und auftretende Komplikationen nicht nicht gewährleistet sei. Die Ärzte, die inzwischen auch mit einem Hungerstreik drohen, fordern massive Gehaltserhöhungen. Viele ihrer Kollegen arbeiten bereits zu einem Vielfachen des polnischen Gehalts in ganz Europa.

Fernsehduell zwischen Links- und Rechtsrepräsentanten

Am Montag kam es auch zu einem direkten Fernsehduell zwischen Premier Kaczynski und dem früheren Präsidenten Kwasniewski, der nach Meinung Kaczynskis einen wichtigen Knotenpunkt des korrupten postkommunistischen Netzwerks im ganzen Lande darstelle. Gemäß Meinungsumfragen hätte Kaczynski mit 28 zu 40Prozentpunkten gegen seinen Kontrahenden verloren. Allerdings waren die Befragten auch der Meinung dass es in der Diskussion eher Kaczynski (36%) als Kwasniewski (28) gelang, den jeweils anderen aus der Ruhe zu bringen. Im Duell ging es unter anderem um die Außenpolitik und um die Wirtschaftslage Polens. Während Kaczynski betonte, Polen sei ein geachtetes Land in Europa, mit dem andere Länder inzwischen diplomatisch rechnen müssen, warf der Ex-Präsident ihm in Anspielung auf den EU-Gipfel vor, Polen habe unter Kaczynski seine größte außenpolitische Niederlage erlitten.

Wer bei den Wahlen am 21. Oktober eine Niederlage hinnehmen muss, bleibt weiterhin offen. Derzeit scheint es an der PO (Bürgerplattform) zu liegen, mit wem sie die zukünftige Regierung bildet; unabhängig davon, ob sie knapp vor oder hinter Kaczynskis PiS über die Zielgerade fährt. PiS und die neuformierte Linke in Form von Kwasniewskis LiD bilden einen offensichtlich unüberwindbaren Gegensatz. Letztlich liegt es an den noch 20-30 Prozent unentschiedenen Wählern, in welche Richtung das Pendel ausschlagen wird. Allen Unkenrufen zum Trotz ist Polen immer noch eine Demokratie, in der die Wähler eine Regierung wählen oder abwählen.