Welt ohne USA

Die US-Ökonomie, an deren Tropf einmal die ganze Weltwirtschaft hing, scheint ins Trudeln zu kommen. Das managermagazin (11/2007; Printausgabe) widmet der „amerikanischen Malaise“ im Artikel „Nach der Orgie“ viel Raum und spricht von drei strukturellen Entwicklungen, mit denen die Wirtschaft und damit auch die Gesellschaft der USA die nächsten Jahre zurecht kommen müsse. Es gingen nämlich drei Trends ihrem Ende entgegen: der Produktivitätsboom, der Demographieboom und der Konsumboom.

Bedenklicher Abwärtstrend der USA

Im Artikel von Henrik Müller kommt der erfahrene Investmentstratege der Finanzgesellschaft Oppenheim, Michael Metz (79), zu Wort: „Unsere Infrastruktur ist die schlechteste in der westlichen Welt. Unser Bildungssystem entlässt viel zu viele Leute dumm ins Leben. Unsere Regierung ist indoktriniert von verrückten christlichen Fundamentalisten. Unser Parlament kommt mit einem Vorschlag nach dem anderen, die Grenzen dichtzumachen für Importe und Immigranten. New York als Weltfinanzzentrum steht zur Disposition…“ Während die Franzosen eine Sparquote von 12 Prozent, die Deutschen von 10 Prozent haben, leben die Amerikaner mit Minus ein Prozent vom Substanzverzehr und lassen sich vom Ausland als Kreditgeber aushalten. Das Leistungsbilanzdefizit der USA zeigt ebenfalls steil nach unten, auf -6 Prozent des BIP. Das Ausland subventioniert die US-Bevölkerung mit Konsum- und Investitionsgütern. Der eigene US-Export kann hier nicht mithalten. Nicht weniger bedenklich ist das seit Ende der 90er enorm gefallene Arbeitskräftepotential. Dessen Wachstum ist bei Null versandet, nachdem es 2000 noch bei 1,5 Prozent lag.

Neue Zentren der Weltwirtschaft

Das bedeutet eine Schwächung der Produktivität, zu der auch der inzwischen abgeklungene – in den 90ern von den neuen Technologien getriebene – Produktivitätsanstieg beiträgt. Die positive Unterstützung durch Internet- und andere Technologien wäre nur ein wirtschaftsfördernder Einmaleffekt gewesen. Mit weniger Arbeitskräften und Konsumenten wird die USA ihre wirtschaftliche Position und den Einfluss des Dollars auf den Weltmärkten nicht aufrechterhalten können. Die Schwerpunkte der globalen Ökonomie verschieben sich auf das durch seinen Osten dynamisierte Europa sowie auf China und Indien. Bei zum ersten Mal fallenden Häuserpreisen wird den Amerikanern die Konsumbasis der letzten Jahre entzogen. Sie finanzierten über Hypothekenkredite ihren im Verhältnis zum Arbeitsverdienst übersteigerten Konsum. Wenn nun, wie vom Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff unter der Bedingung, dass die Europäer diese Chance nutzen, vorausgesagt, der Euro die neue globale Leitwährung wird, bleiben auch die Anlagegelder der ganzen Welt für die USA aus. Deren Bürger werden dann gezwungenermaßen lernen müssen, sich auf staatlicher Ebene wie auch privat vom eigenen Monatseinkommen zu ernähren, anstatt wie bisher auf Pump zu leben.

Beschleunigter amerikanischen Bedeutungsverlust durch Protektionismus

Eine Scheinlösung stellen zunehmende Versuche dar, sich vor allem auf demokratischer Seite im Kongress mit Schutzzöllen und anderen abschottenden Maßnahmen vor der Globalisierung verstecken zu wollen. Doch mit einer weiteren Importbeschränkungspolitik der ungewöhnlich verängstigten Amerikaner wird die Welt wohl rechnen müssen. Es sei denn, Amerika besinnt sich auf die Kräfte seines Wirtschaftssystems und kümmert sich gleichzeitig um die Verbesserung des Bildungssystems. Ein darauf folgender Aufschwung, der sich zuerst auf Sparen und Investieren statt auf Konsum stützen müsste, könnte den US-Bürgern ihre übliche Zuversicht in die Zukunft wieder zurückgeben. Bis jetzt glauben die Amerikaner laut Professorin und Glücksforscherin Carol Graham an den amerikanischen Traum, es von unten ganz nach oben zu schaffen.

Angestrebte Unabhängigkeit von eigener Binnennachfrage

Doch sollten diese grundsätzlich in der Gesellschaft verankerten Kräfte der liberalen und flexiblen US-Wirtschaft nicht unterschätzt werden. Selbst bei diesen pessimistischen Aussichten stuft Jan Hatzius, ein Ökonom bei Goldman Sachs, die Wahrscheinlichkeit einer Rezession auf nur 25 Prozent ein. Allerdings auch hier glauben Manager einen Ausweg zu finden. Der Amerika-Chef von Linde, Pat Murphy, will sich dann unabhängiger vom US-Binnenmarkt machen und auf globaler Ebene in Geschäftsbereichen wie Ölraffinierung, Stahl, Chemie, Gasverflüssigung und Wasserstoff als zukünftigen Treibstoff betätigen. In Asien und Mittelosteuropa dürfte er genügend Wachstumspotential finden. Von diesen neuen Wachstumsmärkten wird auch die früher auf die US-Wirtschaft angewiesene Weltwirtschaft, insbesondere auch Europa, am Laufen gehalten.

Weniger geholfen ist damit den 47 Millionen Amerikanern auch aus dem Mittelstand, die sich keine Arbeitslosenversicherung mehr leisten können. Während die als arm definierten Amerikaner von Medicaid und Medicare auf einer Mindestbasis abgesichert sind, fällt der unversicherte Mittelstand durch dieses Raster. Jeder Präsidentschaftskandidat will und muss sich darum kümmern, so wie sich der nächste Präsident auch um das Bildungssystem sorgen sollte. Die führende Position unter den OECD-Ländern verloren die USA und schnitten beim Pisa-Test noch schlechter ab als Deutschland bzw. einige deutsch Bundesländer.

Brauchen wir einen neuen Weltpolizisten?

Jenseits ökonomischer Erwägungen, auf die sicher der Artikel beschränkte, ist aber ein weiterer Aspekt möglicherweise viel Sorgen erweckender als der ökonomische. Wer spielt in Zukunft den Weltpolizisten, falls die USA dazu nicht mehr in der Lage wäre, weil die Amerikaner sich wie früher so oft isolationistischen Strömungen hingeben? Was wäre ohne das militärische Eingreifen der USA im Kosovo Ende der 90er passiert? Wer hätte Kuwait von Sadam Hussein befreit. Die großen und viele Menschenleben kostenden Fehler der Bush-Administration dürfen nicht verdecken, dass Europa nicht einmal Massaker zwischen Serben und Kroaten verhindern konnte und bis jetzt außenpolitisch handlungsunfähig ist. Wer will sich auf den Autokraten Putin stützen oder auf das immer noch totalitäre chinesische Regime in Peking, falls die USA als Weltpolizist komplett ausfallen? Von den korrupten UN-Strukturen die sich auf keinerlei Sanktionen durchsetzenden Streitkräfte stützen können, braucht man nicht zu sprechen. Vielleicht sollte sich die EU schneller als bisher auf solche Aufgaben vorbereiten.

2 Gedanken zu „Welt ohne USA“

  1. Guter Bericht.

    Die Frage nach dem Sinn und Zweck des „Weltpolizisten“ USA stelle ich schon seit vielen Jahren.

    In Korea, in Vietnam, z. T. in Afghanistan und jetzt recht massiv im Irak: wo der großartige, kaugummimampfende Weltpolizist auftaucht, bekommt er zunächst einmal anständig den Hosenboden versohlt.

    Das nur wenige Quadratkilometer kleine karibische Inselchen Grenada konnte Uncle Sam immerhin erfolgreich befrieden – mit dem Einsatz von 16.000 (!) Mann!

    Die Weltöffentlichkeit befindet sich im Umbruch, es wird in Zukunft schwerer für die Machthaber im Weißen Haus, dem Planeten klarzumachen, weswegen man nun wieder die Unterstützung der UNO für einen agressiven Angriffskrieg benötigt.

    Man wird es nicht mehr kritiklos hinnehmen, daß die pseudo-christlichen Großinquisitoren aus dem Reich der unbegrenzten Möglichkeiten zum wiederholten Male eine hügelige Wüste erstürmen, von den dort beheimateten „Rebellen“ mächtig was aufs Maul kriegen und dann die UNO um Hilfe anflehen.

    Sie werden sich eines Tages genauso von der Welt isoliert haben, wie es China lange war.

    Ich finde es sehr interessant zu sehen, daß China sich im gleichen Maße der Welt öffnet wie sich die USA von ihr abschotten wollen…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.