Journalistische Lauterkeit und Wirtschaftskompetenz

[S. Reber/B. Fütterer] In der Zeit des politischen Sommerlochs hat sich inzwischen ein Großteil der Medien auf die amerikanische Hypothekenkrise eingeschossen, die sich vor allem auf die Schuldner mit schlechter Bonität begrenzt. Andere können ihre Kredite zumeist  weiter zurückzahlen. Ist es nun Sensationsgier oder einfach nur wirtschaftliche Inkompetenz von Journalisten, wenn positive fundamentale wirtschaftliche Daten ausgeblendet werden oder nur unscheinbar als Rudiment am Ende der Artikel den Weg zum Leser finden?

Im Bewusstsein der Leser bleibt letztlich das zurück, was einige Autoren, wie beispielsweise Gerd Zitzelsberger von der „Süddeutschen“ mit dem Aufmacher „Teile des Kreditmarkts zusammengebrochen“ oder einer Bildunterschrift: „Panik im Gesicht: Ein Händler an der Wall Street verfolgt den Kurssturz“ sensationsgierig herausstellen. Auch „Die Krise an den internationalen Finanzmärkten reicht noch weiter als zunächst befürchtet“ und „Der Markt für Anleihen mittlerer Bonität ist nach Banken-Angaben geradezu kollabiert“ oder „Auch deutsche Institute sind noch stärker betroffen als bislang befürchtet“, schaukelt zwar die Leser, nicht aber den gesamten Finanzmarkt in eine Krise, die bisher – zumindest in der dargestellten Form – so nicht existiert.

Deutsche Tragödie

Ob das zum Teil von den Händen bedeckte Gesicht wirklich ein Ausdruck von Panik ist, darf bezweifelt werden. Von einem Kurssturz an der Wall Street zu schreiben, ist angesichts der letzten leichten Aufwärtsbewegung des S&P 500 am Freitag und vor allem der immer noch stark positiven Kursentwicklung der letzten 12 Monate (10 Prozent im Plus) in den USA entweder ein Ausdruck wirtschaftlicher Inkompetenz oder primitiver journalistischer Sensationsgier. Wer so schreibt, scheint nicht zu wissen, dass über Jahrzehnte hinweg das Sparen in breit streuende Aktienfonds oder Indizes unter Renditegesichtspunkten am attraktivsten ist und trotz natürlicher Kursschwankungen auch auf lange Sicht eine risikoarme Anlage für jeden Bürger darstellt; Hat ein Sparer nach 20 oder mehr Jahren Anlagedauer trotz eines Kurseinbruches von 50 Prozent immer noch mehr Vermögen, als vergleichbar der Besitzer eines Sparbuches, Bausparvertrages oder der klassischen Lebensversicherung, kann er immer noch herzlich über diesen so genannten „Börsencrash“ lachen. Doch es scheint, als habe sich dies bisher unter dem deutschen Michel und inländischen Wirtschaftsredaktionen nur wenig herumgesprochen. Richtig analysiert, sind derartige Fehlinformationen die eigentlichen wirtschafts-, sozial- und bildungspolitischen Tragödien. Und das bereits seit Jahrzehnten.

Verantwortungsloses journalistisches Agieren

Verantwortungslos ist es deshalb, weil genau auch diese Art von Berichterstattung im Großteil der renditeorientierten Medienindustrie zu einer Stimmung bei den Anlegern beiträgt, die zu Reaktionen jenseits aller Vernunft provozieren kann. Fundamentalwirtschaftlich kann nichts die starke Weltkonjunktur in eine plötzliche Krise stürzen. Die chinesische, indische und auch lateinamerikanische Bevölkerungen treiben die weltweite Nachfrage auch weiterhin nach oben. Europa und besonders Deutschland profitiert unweigerlich auch in Zukunft von dieser Nachfrage. Aus allen Ecken schallen Meldungen von ausgezeichneter Gewinnlage bei den Unternehmen. In Deutschland befinden sich die Unternehmen durch starke Umstrukturierungen und Rationalisierungen – auch zuerst auf Kosten der Arbeitnehmer – wieder in einem wettbewerbsfähigen Zustand. Inzwischen fehlen viele Fachkräfte, aber ebenso bereits LKW-Fahrer und beispielsweise nur in der Region Hannover 2000 angelernte Arbeiter in Deutschland.

Gegen die notwendig sachliche, nicht von Spekulationen durchsetzte Versorgung der Leser mit den Ereignissen aus Wirtschaft und Börsensälen ist selbstverständlich nichts einzwenden – doch hinterlässt diese seit Tagen andauernde kampagnenartige Berichterstattung entsprechende Spuren in den Köpfen der Anleger. So darf wohl auch bald von einer self-fulfilling prophecy gesprochen werden. Bei der immer kritisch zu behandelnden Wikipedia wird dazu prägnant formuliert: „…Vorhersage, die sich erfüllt, nur weil sie vorhergesagt bzw. erwartet wurde. In Bezug mit der Realität existiert aber kein oder möglicherweise sehr geringer Zusammenhang, als er in der Erwartung existiert. Die Überlegung basiert auf dem Prinzip, dass man selbst auf die Umwelt Einfluss nimmt und versucht sie so in die Richtung zu verändern, die man erwartet. Demnach wird die Erwartung zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.“

Medienberichte mit Auswirkungen auf Anlegerverhalten

Niemand kann in Abrede stellen, dass sich ständig wiederholende „Panikschlagzeilen“ tatsächlich bei den Investitionsentscheidungen der Anleger, groß wie klein, auswirken. Im erwähnten Artikel der „Süddeutschen Zeitung“ wird nicht näher erläutert, was Geldmarktfonds sind. Ebenso wenig stellt der Autor die entscheidenden Zusammenhänge dar. In keinem Nebensatz wird erwähnt, dass die Notenbanken mit erhöhter Geldausgabe konsequent gegensteuern, dass das Gesamtvermögen allein der deutschen Bürger etwa doppelt so hoch ist, wie das der global in Frage gestellten Hedgefondsanlagen, von denen wiederum nur ein Teil die gefährdeten Hypothekenkredite berühren. Auch dass die chinesische Notenbank über 1300 Milliarden Dollar verfügt und nicht das geringste Interesse an einer tatsächlichen weltweiten Kreditkrise haben kann bleibt unberücksichtigt. Sie verkündete bereits, sich entsprechend verantwortungsbewusst verhalten zu wollen.

Am Ende retten chinesische Kommunisten mit ihren Dollars die Wall Street und bewahren viele unverantwortlich oder inkompetent agierende deutsche Journalisten vor der Gefahr einer medial erzeugten und herbeigeschriebenen Wirtschaftskrise. Bekanntlich ist die Hälfte der Wirtschaft Psychologie oder aktuell noch mehr als die Hälfte eine Massenpsychose. Wozu dann überhaupt noch recherchieren und auf wirtschaftliche Fundamentaldaten hinweisen? So jedenfalls scheint das Motto einiger Redaktionsmitglieder zu lauten, das sich dann bedauerlicherweise in entsprechenden Artikeln wiederfindet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.