Die Kaczynski-Brüder und ihr Kampf gegen die kulturelle Konterrevolution

Dies ist der zweite Teil von Bronislaw Wildsteins Analyse der politisch-ideologischen Beweggründe der polnischen Regierungspolitiker um die Gebrüder Kaczynski.

Bronislaw Wildstein beschreibt die negativen Folgen einer linken Konterrevolution, die heute die Welt dominieren würde. Diese stelle basierend auf einer linksliberalen Ideologie die Fundamente der westlichen Zivilisation in Frage und bekämpfe die tradierte Zivilisation als ein negatives Element, das die Individuen unterdrücke.

Ein Schlüsselwort für diese geistige Strömung ist Emanzipation. In deren Namen strebt man die Befreiung des Menschen aus der „überkommenen“ traditionellen und patriarchalischen Struktur an; Emanzipation von familiären, religiösen, ethischen, ästhetischen, nationalen und gesellschaftlichen Bindungen. In dieser tradierten Kultur sei der Mensch zu sehr zwischen Vergangenheit und Zukunft hin- und hergerissen. Denn das Erbe, das den Menschen in seiner kulturellen Existenz geschaffen hat, gebietet es ihm, dieses Erbe an die nächste Generation weiterzugeben. Jedoch offeriert die moderne Kultur inzwischen eine wunderbare Gegenwart. In dieser Kultur nimmt der einzelne Mensch eine autonome Gestalt an, in der er sich gegen jede stärkere Bindung in Form einer festen Identifikation mit was auch immer wehrt; gegen jede mögliche Einschränkung seiner Selbstverwirklichung. Das was in den traditionellen Denkmustern für die eigene Identifikation als Mensch für unabdingbar gehalten werde, nämlich das Gefühl für das eigene Bewusstsein und die loyalen Bindungen an die Familie, die Gemeinschaft auf lokaler Ebene, die Nation, Kultur und Religion, das wird nun betrachtet als ein Element, das den Menschen deformiert, seine Potentiale einschränkt, als ein abgetragenes gesellschaftliches Kostüm.

Die Parolen der Ideologen der III. Republik, die besagen, dass man das Böse des alten Systems weder eindeutig bestimmen, noch die Verantwortlichen benennen kann, meint Wildstein, seien als Anwendung der Konterrevolution im Rahmen der postkommunistischen Verhältnisse zu interpretieren. Im Westen weigere sich die Linke, mit der eigenen Vergangenheit abzurechnen, vor allem also mit den Sympathien für den Kommunismus.

Die Haltung Kaczynskis gegen diese Konterrevolution müsste, mutmaßt Wildstein, zu einer radikalen Umwertung der gegenwärtigen humanistischen Hierarchien und Autoritäten führen, zu einer Abweisung vieler ideologisierter Begriffe sowie zu einer Infragestellung der historischen Dogmen, die das letzte Jahrhundert überdauert haben. Die Dominanz des heute in Europa vorherrschenden Establishments würde erschüttert werden, wie Wildstein konstatiert. Demnach sei es nicht verwunderlich, dass die Vertreter des  linken Establishments versuchen, die rechten klerikal-nationalistischen Bedrohungen zu verfolgen.

Der Unmut, den die neue Regierung Polens hervorruft, war nicht nur das Resultat, das ihre Feinde und ausländische Intellektuelle und Journalisten hervorriefen. Es war ebenso das Ergebnis der richtigen Wahrnehmung der Fremdheit dieser Idee, eine IV. Republik in Polen als Gegenpart zu den dominierenden Erscheinungen der europäischen Kreise zu schaffen.

„Aufstand der Eliten“

Mit dieser Zwischenüberschrift verweist Wildstein auf den Titel einer Arbeit des Kulturwissenschaftlers Christopher Lasch aus den späten 90er Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts. Darin beweise Lasch, dass das Wertesystem in den USA gerade beim Durchschnittsamerikaner erhalten geblieben wäre; viel weniger dagegen unter den ökonomischen, kulturellen und politischen Eliten. In Form eines Konflikts ergreife diese Spannung viele Denker. Während der Kampf mit wechselndem Kriegsglück in den USA noch andauere und weniger im Sinne der linken Konterrevolutionäre auszugehen scheint, sei er in Europa bereits zu Gunsten der linksliberalen Ideologen beendet worden.

Das ist um so tragischer als die linksliberalen Ansichten immer noch lediglich von einer Minderheit der Bevölkerung geteilt werden. In Europa haben allerdings die Repräsentanten dieser Ideologie die Kontrolle über die Mehrheit der Massenmedien übernommen und beherrschen die meinungsbildenden Kreise. Sie können nach Auffassung Wildsteins anderen unter dem Deckmantel politischer Korrektheit ihre Sicht der Dinge aufzwingen und unangenehme Wahrheiten verbergen. Der politische Diskurs nehme keine Kenntnis von der Haltung und den Erwartungen des größeren Teils der Gesellschaft. Diese Ansichten des gemeinen Volkes können sich damit nur in Form populistischer Bewegungen ihren Weg bahnen, die reale Probleme vereinfachen und falsche Lösungen anbieten.

Im dritten Teil wird die eigentliche Strategie Jaroslaw Kaczynskis gegen die linke Konterrevolution erläutert, die sein Wertesystem gefährdet, und in ihren Erfolgsaussichten bewertet.

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