Walzer und die kapitalistische Freiheit

Selten wird in deutschen Zeitungsfeuilletons eingehender über kommunitaristische Ideen berichtet, wie sie in den USA rege diskutiert und vor allem auch praktiziert werden. Bei uns gibt es den Begriff Bürgergesellschaft, der aber anders als der Kommunitarismus in den USA weniger mit Gemeinschaft im eigentlichen Sinne zu tun hat. Daher rührt auch die starke Betonung des Ausdrucks Zivilgesellschaft in Deutschland. Nicht zuletzt hat das etwas mit dem Missbrauch des Begriffes (Volks)Gemeinschaft durch die Nationalsozialisten zu tun. 

Die Kommunitaristen der USA reiben sich stark an den Liberalen (libertarians), die für deutsche Verhältnisse mehr der liberalen Sozialdemokratie und weniger den Liberalen der FDP zuzuordnen wären. Während die kommunitaristische (ethisch-konservative) Seite stark die negativen individuellen Rechte (körperliche Unversehrtheit, Schutz der Wohnung, Betonung der Familie) gegenüber dem Staat betont, setzen die Libertarians auf die individuellen Freiheiten, die sich im Selbstverwirklichungsstreben zeigen und sich – so die kritische Perspektive der Kommunitarier – auf bloße Rechtsbeziehungen zu anderen Gesellschaftsmitgliedern beschränken würden.

Das freischwebende Individuum als Schreckgespenst?

Michael Walzer wird den Kommunitaristen zugeordnet, obwohl er sich an einigen Punkten auch sehr nahe an den Libertarians bewegt. Dennoch kritisiert er die Libertarians indem er beschreibt, was ihre allzu freien, von allen Bindungen losgelösten Gedanken in der realen Gesellschaft „angerichtet“ haben. Sinn für den Menschen könne nur in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten geschaffen werden. Er spricht von vier drastisch erhöhten Mobilitäten in der amerikanischen Gesellschaft, der geographischen Mobilität, der sozialen, der Beziehungsmobilität und der politischen Mobilität, die der Bildung solcher Gemeinschaften zuwider laufen.

Geographische Mobilität

In keiner amerikanischen Gesellschaft davor wäre die geographische Mobilität des einzelnen Gesellschaftsmitglieds, somit seine Bereitschaft zum Ortswechsel aus beruflichen Gründen höher als in den heutigen USA. Ähnliches ließe sich wohl über Deutschland, besonders Ostdeutschland, sagen.

Soziale Mobilität

Entsprechendes wie für die geographische gilt für die soziale Mobilität. Hier ist zu konstatieren, wie wenige Menschen ihren Eltern in sozialem Status und Lebensstil überhaupt noch nahe stehen. An diesem Punkt ist eher eine Differenz zu Deutschland auszumachen. Ausgerechnet das Manager Magazin hat dies für die Managerelite deutlich beschrieben: „Gerade einmal 15 Prozent der Vorstandsvorsitzenden stammen aus den unteren 96,5-Prozent der Bevölkerung.“ Allerdings ist Chancengleichheit oder irgendwelche andere Gleichheit nicht das, worauf Kommunitaristen mit ihrer Kritik an der Entwurzelung der Menschen ansetzen.
Letztere ist eben nach kommunitaristischer Auffassung die Ursache für die Desintegration der Gesellschaft, die nur von unten nicht durch den Staat wieder hergestellt werden kann. Die Gemeinschaft auf lokaler Basis sei alleine in der Lage, den Menschen wieder sozialen Halt zu geben. Wer jedoch z.B. als Unternehmensberater ständig unterwegs ist, wird wenig Möglichkeiten sehen, sich stärker in örtlichen Vereinen zu engagieren, um sich und andere zu integrieren.

Beziehungsmobilität

Die Beziehungsmobilität setzt am Kern der Gemeinschaftsbildung an, den Familien. Die stark angestiegene Scheidungsrate belege die Mobilität der Individuen auch in familiärer Hinsicht. Den Nachwachsenden wird es dabei schwer gemacht, sich einem auch nur familienartigen Konstrukt von Gemeinschaft zugehörig zu fühlen. Dementsprechende Auswirkungen sind unter Umständen auf die Fähigkeit solcher Kinder zu erwarten, später den eigenen Kindern eine familiäre Gemeinschaft zu bilden, die sich den Kommunitariern als Nukleus darstellt. Denn von der familären Gemeinschaft vergrößert sich der  Kreise bis hin zu  größeren lokalen Gemeinschaften.

Letztendlich haben die drei beschriebenen Mobilitäten auch Auswirkungen auf eine vierte, die politische, Mobilität. Sie wird sichtbar an einer stark gelockerten Parteibindung bis hin zur beständigen Wechselhaftigkeit in der politischen Haltung, sofern von einer solchen überhaupt noch etwas zu sehen ist. Die Menschen entscheiden sich, falls sie sich noch mit Politik befassen, in der Mehrheit lediglich situationsbedingt für politische Parteien oder Bewegungen.

Ist nun die Einbettung in eine wie auch immer geartete Gemeinschaft das entscheidende Kriterium für eine den Menschen zufriedenstellende oder gar glückliche Existenz? Möglicherweise hilft hier der Blick auf die Kehrseite der Medaille solcher stark integrierten Gemeinschaften der USA. Mitunter tritt als weniger beglückende Erscheinung eine repressive Sozialmoral auf, die erbarmungslos alle Formen der Abweichung von der herrschenden Moral, alle Formen von Individualität verfolgte und bekämpfte.

Dennoch ist die Diagnose Walzers nicht ganz von der Hand zu weisen, wonach unter den neuen sozialstrukturellen Bedingungen den Menschen mehr zugemutet wird als sie bewältigen können. Die soziale Freisetzung von überkommenen Rollenerwartungen, die ökonomisch ermöglichte Erweiterung individueller Optionsspielräume und schließlich die kulturelle Erosion von vergemeinschaftenden Sozialmilieus hat insgesamt dem Einzelnen gegenwärtig ein stetig wachsendes Maß an biographischen Eigenleistungen abverlangt. Ein Ende dieser gesteigerten Erwartungen ist in Zeiten von Hartz IV in Deutschland auf dem ersten Blick nicht absehbar. Doch dieser trügt unter Umständen. Gleichzeitig werden nicht nur in der Bundesagentur für Arbeit mit zusätzlichem Budget Überlegungen angestellt, wie dem zu helfen ist, der bisher den Sprung, in die Gesellschaft von selbstbestimmten und sich selbst versorgenden Menschen – um es einmal positiv zu wenden – noch nicht geschafft hat.

Solche unterstützenden Maßnahmen sind auch dringend notwendig, da offensichtlich die Schulen versagt haben. Es ist nicht gelungen, einen großen Teil der Schüler auf das vorzubereiten, was sie nach dem Verlassen der Schulen erwartet. Bis jetzt ist in dieser Hinsicht der Nachholbedarf unserer Bildungseinrichtungen groß.

Literaturhinweis:

 Einzelne Ausgangsgedanken sind dem Beitrag Axel Honneths „Individualisierung und Gemeinschaft“ entnommen, in Zahlmann, Christel: Kommunitarismus in der Diskussion, Berlin 1992

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