Oligopole für die Großen – Konkurrenz für die Kleinen

Fast alle Parteien und insbesondere Selbständige und Freiberufler benutzen in öffentlichen Diskussionen gerne die Schlagworte „Soziale Marktwirtschaft“, mit jeweils unterschiedlicher Betonung des Sozialen. Wie ernst meinen sie das überhaupt? Während Millionen von Arbeitnehmern tatsächlich unter dem Druck der Austauschbarkeit ihrer Arbeitskraft im Schweiße ihres Angesichtes um ihr täglich Brot kämpfen, ist die Arbeit einiger Gruppen Freiberufler für deren Kunden nicht wirklich austauschbar, die staatlich reglementierten Gebührenordnungen verhindern nämlich einen Wettbewerb und zwingen die Kunden von Anwälten, Steuerberatern und Architekten dazu, einheitliche Honorarsätze zu zahlen.

Dagegen haben es die angeblich so hart im Konkurrenzkampf stehenden Freiberufler wieder mal geschafft, der Nation ihre Honorare einheitlich zu diktieren (Handelsblatt“).Verdanken dürfen wir das unseren Interessenparteien, die sich von Lobbyisten wieder einmal „überzeugen“ haben lassen, wie man „Gesetze richtig macht“. In den nächsten Fernsehdebatten hören wir Zuschauer dann weiter das hohe Lied von der effektiven Marktwirtschaft und notwendigen Lohnanpassungen bzw. Arbeitszeitverlängerungen ohne Lohnausgleich im Zeitalter des globalen Wettbewerbs; und zwar von genau den Leuten, Parteipolitikern und Freiberuflern, die diese marktwirtschaftlichen Gesetze in ihrem Elite-Kartell für sich außer Kraft setzen.

Gleichzeitig predigen einige linke Politiker das Märchen vom unbarmherzigen Kapitalismus und der Globalisierung. Man könnte fast von einer gemeinsamen Vernebelungsaktion zwischen Linken und Rechten, zwischen Sozialisten und „Marktwirtschaftlern“ sprechen, die seit Jahren dabei sind, das Fernsehvolk für dumm zu verkaufen. Die einen gaukeln den Menschen eine funktionierende soziale Marktwirtschaft vor, die anderen schüren die Angst vor den bestehenden und kommenden Folgen einer nicht existierenden Marktwirtschaft.

Im Ergebnis hat die Mehrzahl der Menschen weder eine Ahnung, was Marktwirtschaft, freie Preisbildung, das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage, die Informationsfunktion, Anreizfunktion und Signalfunktion von Marktpreisen bedeuten, noch was eine funktionierende „soziale Marktwirtschaft“ sein könnte. Nämlich Kombination der Stärke des Marktes, Wohlstand zu vermehren, indem aufgrund von Preisanreizen dort Geld investiert und produziert wird, wo es am rentabelsten ist, einerseits, mit der Notwendigkeit, jedem Menschen das als Grundausstattung staatlicherseits zu garantieren, was er für ein menschenwürdiges Leben benötigt, ohne den Anreiz zu verlieren, selbst dafür zu arbeiten: Gesundheitsfürsorge, Bildung und Ausbildung sowie ein Grundeinkommen, das ausreichend kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe am Leben in der lokalen Gemeinschaft erlaubt und niemanden ausgrenzt.

Ist es von den wenigen Profiteuren beabsichtigt, aus dieser Ahnungslosigkeit der Vielen weiterhin seine Vorteile daraus zu ziehen? Ist ihnen bewusst, wie sehr damit Demokratie, gesellschaftliche (Schein-)Eliten und das gerechte Leistungsprinzip diskreditiert werden?

Showdown in Polen

Wie im gestrigen Blogartikel beschrieben, geht es derzeit in Polen um die Alternativen, Neuwahlen oder die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses, der sich mit der von Premier Jaroslaw Kaczynski geschaffenen Antikorruptionsbehörde CBA und ihrem möglicherweise illegalem Vorgehen befassen soll.

Der Forderung seines Premiers nach Verzicht auf Einsetzung einer Untersuchungskommission, um die Koalition fortzusetzen, und einem für „ihn erniedrigenden Brief“ begegnet der Koalitionspartner Lepper mit einem neuen Schachzug. In dem Brief (online veröffentlicht von „Dziennik“)Kaczynskis hieß es, Lepper müsse seine Immunität aufgeben, damit in der Korruptionsaffäre um die Umwandlung von Agrarland in Bauland in den Masuren und einer Sexaffäre in seiner Partei ermittelt werden könne und sich seine mögliche Unschuld zeige; Ziel dieser Attacken war es offenbar, Lepper zum Koalitionsbruch zu treiben. Überraschend kündigte („Gazeta Wyborcza“)Lepper an, einzuwilligen, falls hierauf auch der Untersuchungsausschuss zustande kommt.

In der politischen Diskussion in Polen wird vermutet, dass jeder der beiden Seiten, die Partei LiS (Liga und Selbstverteidigung) Leppers und Giertychs und die Partei PiS Kaczynskis, die Koalition verlassen will, niemand jedoch als Verantwortlicher für den Koalitionsbruch in Neuwahlen gehen möchte. Für einen gedeihlichen gemeinsamen Umgang gibt es kaum mehr eine Basis, wie auch Die Presse die Situation beschreibt. Lepper forderte das Parlament auf („Dziennik“), die „polnische Gesellschaft nicht länger zu quälen“ und sich aufzulösen. „Das derzeitige Parlament sollte nicht länger Bestand haben.“

Während des Auslaufens des „Ultimatums“, entließ („Dziennik“Kaczynski gestern gleichzeitig ohne jegliche Absprache mehrere hohe Beamte aus den Reihen der Koalitionspartner, die in hohen staatlichen Behörden politisch tätig waren. Ihnen wurde Nepotismus vorgeworfen. Ebenfalls gestern verkündigte (Meldung von „Dziennik“) Jaroslaw Kaczynski in einem Gespräch mit dem Wochenmagazin „Wprost“, dass das Antikorruptionsbüro CBA die undichte Stelle gefunden habe, die Lepper möglicherweise vor der Überführung der Korruption warnte.

Mit der nun geschlagenen Finte, droht nun vielleicht ein für Kaczynski unangenehmer Untersuchungsausschuss, weil unabhängig vom Ausgang schon allein die Prozeduren eines derartigen Ausschusses für das öffentliche Ansehen eines Premiers wenig schmeichelhaft sind. Die Eine Alternative, um die Ermittlung des Ausschusses hinsichtlich des kritisierten Vorgehens seines Antikorruptionsbüros zu vermeiden, wäre für Kaczynski, doch noch von sich aus die Koalition als gescheitert zu erklären. Wie das politische Hickhack in Polen ändert, darf man mit Spannung verfolgen. Am Montag sollen Gespräche aller Beteiligten stattfinden.

Showdown in Polen

Punkt Mitternacht entscheidet („Dziennik“) sich möglicherweise, ob es im Herbst vorgezogene Parlamentswahlen in Polen geben wird. Jaroslaws Kaczynskis Partei PiS hat den Koalitionspartnern von der neuen Fusionspartei LiS (Liga und Selbstverteidigung), die sich aus den früheren Koalitoinsparteien Samoobrona und Liga Polskich Rodzin (LPR) gegründet hat eine Liste von Bedingungen gestellt, die bis Mitternacht akzeptiert („Gazeta Wyborcza“) werden müssen.

Wichtigster Punkt ist der Verzicht des kleineren Koalitionspartners auf die Einsetzung einer Untersuchungskommission bezüglich der angeblich haltlosen Korruptionsvorwürfe gegen Andrzej Lepper. Dieser wurde als Landwirtschaftsminister abberufen, als das Antikorruptionsbüro Ermittlungen gegen Lepper und seine engen Vertrauten durchführte. Von letzteren wurden zwei verhaftet. Lepper selbst wurde laut Presseberichten rechtzeitig vor einer Falle gewarnt. Angeblich sollte er den Empfang von Geld (ca. 250.000 Euro) oder die Abmachung einer Umwandlung von landwirtschaftlicher Fläche in Bauland schriftlich bei einem Treffen bestätigen. Dieses Treffen wurde kurzfristig abgesagt.

Da nach weiteren Presseinformationen einer von Leppers verhafteten Vertrauten früher für den Inlandsgeheimdienst arbeitete, forderte Lepper einen Untersuchungsausschuss. Zudem wurde die Ermittlungen des Antikorruptionsbüros unter anderem mit gefälschten amtlichen Dokumenten fingiert. Niemand aus der Ermittlungsbehörde hätte gewusst, dass die Bestechungsgelder bis zum Minister selbst fließen, der eine Million von insgesamt drei Millionen Zloty bekommen hätte sollen. Es geisterte folgende Aussage durch die Presse: „Unter einer Million redet man mit Lepper nicht“.

In Polen wurde eine Debatte darum geführt, ob die Antikorruptionsbehörde mit scheinbaren Bestechungsgeldangeboten gegenüber hohen Beamten und Politikern die Standfestigkeit der Angesprochenen testen und so Korruption bekämpfen dürfe. Kaczynski verteidigt diese Vorgehensweise dezidiert. Ihm wird allerdings auch unterstellt, dass er politische Zwecke damit verfolgt und bei vorgezogenen Neuwahlen die konservative Wählerschaft der durch Korruption diskreditierten kleinen Koalitionspartner für seine Partei (PiS) gewinnen will.

Falls nicht alle Forderungen von Kaczynski erfüllt werden, seien bereits alle Vorkehrungen getroffen um die Minister von LiS auszutauschen. Am Montag lägen dann alle Ernennungsanträge der neuen Minister beim Präsidenten Lech Kaczynski. Lepper ist bereit („Dziennik“), alle Forderungen der Liste zu erfüllen, mit Ausnahme des Verzichtes auf die Untersuchungskommission. Es wird immer wieder von potentiellen Abtrünnigen seiner Partei berichtet, die zur Kaczynskis PiS wechseln wollten. Das übt zusätzlichen Druck auf Lepper aus.

Letztlich kann jedoch niemand einschätzen, welche politischen Kalküle hinter dem Ultimatum stehen. Es wäre nicht das erste Mal, dass einer der politischen Akteure einen unvermuteten Ausweg findet aus einer scheinbar nur auf Konfrontation und Neuwahlen hinauslaufenden Situation.

Journalismus, Web2.0 und Rendite

Gibt es bald nur noch drei oder vier Zeitungen, die wirklich etwas mit unabhängigem Journalismus zu tun haben? Werden die Artikel der übrigen Medienorgane zentral produziert, wie es im Ansatz mit gekauften Artikeln von den Presseagenturen bereits praktiziert wird, um auf dem Papier oder Monitor drumherum Reklame als Einnahmeqelle zu platzieren?

Fusionitis, Renditemaximierung und Aufkaufwahn im Medienmarkt?

Aktuell ist wieder von Stellenkürzungen bei der Netzeitung und bei ProSiebenSat1 die Rede. Es soll die Rendite von „erbärmlichen“ 22 Prozent auf 30 Prozent gehoben werden. Nun ist es das Recht der Eigentümer mit ihrem Eigentum zu machen, was sie wollen. Die Leser, Hörer und Zuschauer haben dann auch das Recht, sich angewidert abzuwenden. Vielleicht wenden sie sich hierauf einestages zu, einem Spiegel-Projekt, das im September starten soll. Irgendwann merkt ein Großteil der Bevölkerung möglicherweise nämlich doch noch, dass sie nicht mit anspruchsvollem Journalismus, sondern mit „Reklame-Drumherum“ abgespeist wird.

Ist es überhaupt ein Schaden, wenn es in Deutschland nur noch zwei oder drei Qualitätsmedien gibt? In Zeiten des Web2.0 kann Meinungsvielfalt auch ohne die bisher noch existierende Zeitungs- und Sendervielfalt aufrecht erhalten werden. Web2.0 soll hier heißen, dass jeder Internetnutzer (journalistische) Inhalte – wenn auch nicht journalistische Formen – darstellen kann.

Journalismus nur noch als Lektoratsdienstleistung?

Tausende von Journalisten würden „überflüssig“, machten sich die Bürger ernsthaft daran, selbst über ihre Alltagsprobleme, -erlebnisse und -freuden zu schreiben. Doch wollten wir nicht immer demokratische Partizipation in allen Bereichen haben? Warum sollte dann gerade die Medienöffentlichkeit in Deutschland von einigen wenigen führenden Meinungsmachern bestimmt werden. Das Internet als technische Plattform macht es zum ersten Mal in der Geschichte möglich, allen Bürgern Gehör zu verschaffen. Anders als in den traditionellen Medien ist die Sendezeit unbegrenzt, anders als bei den Zeitungen mangelt es nicht an der bedruckbaren Platz. Anders als bisher können im Internet die Leser, Zuschauer und Hörer die von Lesern, Zuschauern und Hörern geschaffenen Inhalte einfach, schnell und bequem bewerten, kommentieren, auf eine Premiumebene heben oder in eine Rangreihenfolge rücken. Kein Chefredakteur oder keine Redaktionssitzung muss entscheiden, was erscheint und was in den Papierkorb wandert, weil es für die Empfänger angeblich nicht interessant sein könnte oder den Reklamekunden missfallen würde. Die Leser können sich die eigene Medienstartseite nach für sie interessanten Rubriken oder auch Bürgerautoren selbst zusammenstellen. Es würde ausreichen, wenn einige Journalisten den Stil der Bürgerjournalisten aufpolieren.

Auswirkungen auf die Politik

Den Politprofis ist wohl noch nicht einmal annähernd bewusst, was damit auf sie zukäme. Eine bekannte und stark frequentierte Web2.0 Plattform, würde zum großen Teil das Geklüngel einiger Journalisten mit Politikern beenden. Es hilft Abgeordneten nichts mehr, einige etablierte Journalisten gezielt mit wertvollen Informationen zu füttern, um sie so „emotional an sich zu binden“. Solche „gebundenen“ Journalisten überlegen es sich bisher viermal, ob sie den Politiker, der sie bisher gut mit Informationen versorgt hat, harsch kritisieren; so sehr dieser die Kritik auch verdient hätte. Wie viele Medienleute haben sich schon um den Finger wickeln lassen und lieber in ihren Kommentaren noch Argumente zur Verteidigung eines in öffentliche Notlage geratenen Abgeordneten-Freundes an den Haaren herbei gezogen. Man denke nur an Journalisten, die einen Friedrich Merz noch in Schutz nehmen. So sinnvoll die beruflichen Kompetenzen eines Abgeordneten sein können, so klar sollte sein, dass im konkreten Fall ein Merz keine Zeit mehr haben kann, um sich um seinen Nebenjob im Parlament richtig zu kümmern und dass notwendige, demokratische Transparenz kein Berufsverbot für Abgeordnete bedeutet. An diesem Beispiel ist somit klar zu erkennen, wie sehr manche Journalisten in der Verteidigung der Intransparenz die Unabhängigkeit und Distanz zur Sache verloren haben. Hierbei sei bösartigerweise an Mark Twain gedacht: „Journalisten: Leute, die ein Leben lang darüber nachdenken, welchen Beruf sie eigentlich verfehlt haben.“

Intelligenz der Masse?

An die Intelligenz der Masse im engeren Sinne muss man nicht glauben. Doch gibt es in jedem jeweiligen Fachgebieten, über das einige dutzende Journalisten berichten, hunderte oder tausende besser informierte und kompetentere Bürger. Sobald die Zeit gekommen ist, in der diese selbst zur Feder greifen – vielleicht von einem Lektor redaktionell unterstützt – wäre es ein Gewinn, diese Artikel zu lesen, und kein Verlust, auf die Artikel von „Fachjournalisten“ zu verzichten.

So unvorstellbar es heute erscheinen mag, dass es z.B. nur noch die Süddeutsche und die FAZ auf dem Zeitungs- und Magazinmarkt gibt, so wenig notwendig ist es, im kommenden Web2.0-Zeitalter, dem Zeitalter des Mitmach-Webs für alle, die Meinungsvielfalt durch die heutige Vielzahl an Medien aufrecht erhalten zu wollen.

P.S.: Das für die Gebührenzahler teure Sieben-Milliarden-Abzockspektakel der Öffentlich-Rechtlichen-Medien sollte dann so schnell wie möglich beendet werden.

Politischer Selbstmord Kaczynskis?

Wildstein stellt in seiner Analyse die Hypothese auf, Kaczynski versuche durch bestimmtes Handeln die Wiedererstehung einer postkommunistischen Linken als Gegenpol zu seiner rechten PiS zu begünstigen, um die PO zwischen diesen Polen zu marginalisieren. Darauf würden zum einen gezielte Provokationsversuche hinweisen, mit denen Kaczynski nach Interpretation Wildsteins Künstler, Intellektuelle und Medienschaffende gezielt gegen sich aufbringe, damit so eine Polarisierung der Gesellschaft erzielt wird; die konservative Wählerschaft solle somit mobilisiert und auf Kaczynskis Seite getrieben werden.

Linke Medienöffentlichkeit als Abschreckung vor linken Parteien?

Dieses Kalkül enthält insofern implizit die Annahme, die aufgestachelte linke Gruppe der genannten Kreise würde mit ihren linksintellektuellen Übertreibungen die bodenständigere Mehrheit bei der Wahlentscheidung von der Wahl linker Parteien abschrecken. Als weiteren Beleg führt Wildstein eine von der jetzigen Ausrichtung abweichende Linksorientierung des staatlichen Fernsehens (TVP) an – angekündigt durch den Vorstand der Fernsehanstalt. Verstärkt wird diese Vermutung durch das Ignorieren von Tonbandaufnahmen eines Gespräches zwischen einem früheren Parteigenossen des ehemaligen Präsidenten Kwasniewski mit einem polnischen Milliardär, Gudzowaty. In diesem von Gudzowaty aufgenommenen und veröffentlichten Gespräch, das von TVP ignoriert worden sei, bezeichnet Oleksy seinen Parteigenossen Kwasniewski mehr oder weniger direkt als korrupt. Daraufhin nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Kwasniewski auf. Wildstein kann sich nicht vorstellen, dass Kaczynski sich nicht mit TVP abspreche, wo er doch sonst gerne Einfluss auf die Medien ausübe.


Vertane Chance


Der Autor sieht dieses Strategie Kaczynskis als vertane Chance an, Polen einen konfliktträchtigen Dualismus nach westeuropäischen Vorbild zu ersparen. Obgleich aus Kaczynskis Interessenlage heraus eine gewisse Logik zu erkennen sei, sollte man sich an europäischen Ausnahmen wie Irland orientieren, wo es keine links-rechts Aufspaltung der Parteienlandschaft wie im restlichen Europa gebe. Der selbst im kulturkonservativen Lager zu verortende Bronislaw Wildstein befürchtet einen langfristigen politischen Selbstmord Kaczynskis. Nur kurzfristig seien politische Siege gegen ein starkes mediales linkskulturelles gesellschaftliches Establishment zu gewinnen. Die Bevölkerungsmehrheit könne zwar entsprechend ihrer Intuition eine sinnvolle Entscheidung treffen, würde aber gänzlich ohne „geistige Anleitung“ seitens Intellektueller und Medienschaffender nicht auf Dauer rechtskonservativ wählen, sondern irgendwann einer von Kaczynski vernachlässigten und somit linken kulturellen Meinungselite folgen.

An diesem Punkt bezieht sich Wildstein auf die USA, in denen es im Unterschied zu Europa eben keine dominierende linke intellektuelle Öffentlichkeit gebe. Dort haben von Parteien unabhängige Thinktanks und neokonservative Magazine wie der „Commentary“ dafür gesorgt, dass mit dem von ihnen geistig vorbereiteten Amtsantritt Reagans wieder ein konservatives Denken die Überhand gewinnt.

Der Leser gewinnt den Eindruck, dass Wildstein gerne Mitglied eines solchen konservativen Thinktanks würde und so die Linken und Postkommunisten endgültig in Polens Parteienlandschaft marginalisieren möchte. Ihm wäre es lieber, statt der linken SLD und ihrer Ableger eine etwas liberalere Bürgerplattform PO im politischen Parteienspektrum Polens als politischen Gegenpart zur PiS zu etablieren. Somit bliebe dem polnischen Wähler von nationalistischen und rechtspopulistischen Parteien abgesehen die Wahl zwischen einer rechtskonservativen und national denkenden PiS und einer gemäßigt nationalen und etwas mehr an bürgerlichen Freiheiten orientierten PO.

Der vorangegangene zweite Teil der Beschreibung von Wildsteins Analyse

Der erste Teil

Die Kaczynski-Brüder und ihr Kampf gegen die kulturelle Konterrevolution

Dies ist der zweite Teil von Bronislaw Wildsteins Analyse der politisch-ideologischen Beweggründe der polnischen Regierungspolitiker um die Gebrüder Kaczynski.

Bronislaw Wildstein beschreibt die negativen Folgen einer linken Konterrevolution, die heute die Welt dominieren würde. Diese stelle basierend auf einer linksliberalen Ideologie die Fundamente der westlichen Zivilisation in Frage und bekämpfe die tradierte Zivilisation als ein negatives Element, das die Individuen unterdrücke.

Ein Schlüsselwort für diese geistige Strömung ist Emanzipation. In deren Namen strebt man die Befreiung des Menschen aus der „überkommenen“ traditionellen und patriarchalischen Struktur an; Emanzipation von familiären, religiösen, ethischen, ästhetischen, nationalen und gesellschaftlichen Bindungen. In dieser tradierten Kultur sei der Mensch zu sehr zwischen Vergangenheit und Zukunft hin- und hergerissen. Denn das Erbe, das den Menschen in seiner kulturellen Existenz geschaffen hat, gebietet es ihm, dieses Erbe an die nächste Generation weiterzugeben. Jedoch offeriert die moderne Kultur inzwischen eine wunderbare Gegenwart. In dieser Kultur nimmt der einzelne Mensch eine autonome Gestalt an, in der er sich gegen jede stärkere Bindung in Form einer festen Identifikation mit was auch immer wehrt; gegen jede mögliche Einschränkung seiner Selbstverwirklichung. Das was in den traditionellen Denkmustern für die eigene Identifikation als Mensch für unabdingbar gehalten werde, nämlich das Gefühl für das eigene Bewusstsein und die loyalen Bindungen an die Familie, die Gemeinschaft auf lokaler Ebene, die Nation, Kultur und Religion, das wird nun betrachtet als ein Element, das den Menschen deformiert, seine Potentiale einschränkt, als ein abgetragenes gesellschaftliches Kostüm.

Die Parolen der Ideologen der III. Republik, die besagen, dass man das Böse des alten Systems weder eindeutig bestimmen, noch die Verantwortlichen benennen kann, meint Wildstein, seien als Anwendung der Konterrevolution im Rahmen der postkommunistischen Verhältnisse zu interpretieren. Im Westen weigere sich die Linke, mit der eigenen Vergangenheit abzurechnen, vor allem also mit den Sympathien für den Kommunismus.

Die Haltung Kaczynskis gegen diese Konterrevolution müsste, mutmaßt Wildstein, zu einer radikalen Umwertung der gegenwärtigen humanistischen Hierarchien und Autoritäten führen, zu einer Abweisung vieler ideologisierter Begriffe sowie zu einer Infragestellung der historischen Dogmen, die das letzte Jahrhundert überdauert haben. Die Dominanz des heute in Europa vorherrschenden Establishments würde erschüttert werden, wie Wildstein konstatiert. Demnach sei es nicht verwunderlich, dass die Vertreter des  linken Establishments versuchen, die rechten klerikal-nationalistischen Bedrohungen zu verfolgen.

Der Unmut, den die neue Regierung Polens hervorruft, war nicht nur das Resultat, das ihre Feinde und ausländische Intellektuelle und Journalisten hervorriefen. Es war ebenso das Ergebnis der richtigen Wahrnehmung der Fremdheit dieser Idee, eine IV. Republik in Polen als Gegenpart zu den dominierenden Erscheinungen der europäischen Kreise zu schaffen.

„Aufstand der Eliten“

Mit dieser Zwischenüberschrift verweist Wildstein auf den Titel einer Arbeit des Kulturwissenschaftlers Christopher Lasch aus den späten 90er Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts. Darin beweise Lasch, dass das Wertesystem in den USA gerade beim Durchschnittsamerikaner erhalten geblieben wäre; viel weniger dagegen unter den ökonomischen, kulturellen und politischen Eliten. In Form eines Konflikts ergreife diese Spannung viele Denker. Während der Kampf mit wechselndem Kriegsglück in den USA noch andauere und weniger im Sinne der linken Konterrevolutionäre auszugehen scheint, sei er in Europa bereits zu Gunsten der linksliberalen Ideologen beendet worden.

Das ist um so tragischer als die linksliberalen Ansichten immer noch lediglich von einer Minderheit der Bevölkerung geteilt werden. In Europa haben allerdings die Repräsentanten dieser Ideologie die Kontrolle über die Mehrheit der Massenmedien übernommen und beherrschen die meinungsbildenden Kreise. Sie können nach Auffassung Wildsteins anderen unter dem Deckmantel politischer Korrektheit ihre Sicht der Dinge aufzwingen und unangenehme Wahrheiten verbergen. Der politische Diskurs nehme keine Kenntnis von der Haltung und den Erwartungen des größeren Teils der Gesellschaft. Diese Ansichten des gemeinen Volkes können sich damit nur in Form populistischer Bewegungen ihren Weg bahnen, die reale Probleme vereinfachen und falsche Lösungen anbieten.

Im dritten Teil wird die eigentliche Strategie Jaroslaw Kaczynskis gegen die linke Konterrevolution erläutert, die sein Wertesystem gefährdet, und in ihren Erfolgsaussichten bewertet.

Politischer Kulturkampf in Polen

Bronislaw Wildstein schreibt in der „Rzeczpospolita“ darüber, dass sich die politische Zerstrittenheit Polens zu einem kulturellen Kampf entwickeln würde. Die derzeitige Regierung spricht gerne von der Gründung einer IV. Republik, nachdem sich in der III. Republik vor allem die Präsidenten Aleksander Kwasniewski, Premier Leszek Miller und ihre Umgebung mit der alten sozialistischen Nomenklature verbündet hätten, wenn sie nicht selbst ohnehin zu ihr gehört hätten.

Von Skandalen und Scheinmodernisierung ohne Bevölkerung

Den Ausgangspunkt dieses Kulturkampfes sieht Wildstein in der Affäre Rywin. Dieser hatte dem polnischen Medienmogul und Publizisten Adam Michnik angeboten, in Zusammenarbeit mit Regierungspolitikern Gesetzgebungsprozesse zum Medienrecht so zu beeinflussen, dass Michnik einen Konkurrenten aus der Medienbranche aufkaufen kann, um sein Medienimperium (u.a. Gazety Wyborcza und Radio Tokfm im Konzern Angora) zu vergrößern. Dafür wollte Rywin für sich und seine Hintermänner ca. 17 Mio. Dollar Handgeld einstreichen. Adam Michnik, früher in der oppositionellen Solidarnosc engagiert, nahm das Gespräch jedoch auf und ging damit an die Öffentlichkeit. Die Folge war die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses und eine Erschütterung der politischen Landschaft. Rywin ging ins Gefängnis. Seine Hintermänner wurden nicht aufgedeckt. Die bis 2005 regierende SLD (sozialdemokratieähnliche Postkommunisten mit dem üblichen, jedoch nicht übersteigerten polnischen Nationalbewusstsein), die auch den Präsidenten Kwasniewski stellte, verlor die nächsten Wahlen erdrutschartig und hatte sogar mit der Fünf-Prozent-Hürde zu kämpfen.

Die tiefere Ursache für die Missstände der III. Republik sieht Wildstein jedoch im Misstrauen der damaligen Regierenden der Bevölkerung gegenüber und den Versuch das Land gemeinsam mit den alten Kadern zu modernisieren, ohne eine breite Bevölkerungsschicht mit einzubeziehen. Hierbei hätten sich Netzwerke und oligarchische Strukturen in der gesamten Gesellschaft, in Politik, Verwaltung und den sich zum Teil noch in Staatsbesitz befindenden Wirtschaftsunternehmen ausgebildet. Die Aufarbeitung der teilweise verbrecherischen Machenschaften der kommunistischen Arbeiterpartei Polens mit dem dazugehörigen Sicherheitsapparat blieb unter diesem Umständen auf der Strecke.

Moralische Erwägungen galten Wildstein nach in der III. Republik nur als Ballast. Auf diesem Modernisierungsweg galt es insofern auch, die national geprägte katholische Kirche zu bekämpfen, die sich nach der Weltanschauung der linken SLD-Regierungspartei nicht mehr auf der Höhe der Zeit befände. Ebenso wurde von der alten Nomenklatura die politische Rechte mit ihren Traditionen auf die „Zensurliste“ gesetzt.

Die neue IV. Republik

Als Antwort auf diesen eigentlich von den Machthabern der III. Republik begonnen Kulturkampf folgte das Schlagwort von der IV Republik. Es hat eine konservativ-ethische Schlagseite und betont stark religiöse sowie gemeinschaftsbildende Werte. Kern des Unternehmens ist die Bildung eines neuen, in Zeiten der Globalisierung tragfähigen, Patriotismus. Dazu gehört auch die Rückbesinnung auf die Solidarnosc der 80er Jahre mit ihren Idealen einer solidarischen Gesellschaft, die geprägt ist von Harmonie, Freiheit und basisdemokratischen politischen Denken – allerdings mit starken, zumindest symbolisch starken, politischen Führern an der Spitze. Vor allem sollten mit dem oligarchischen und korrupten System – ein Skandal reihte sich unter Miller an den nächsten – abgerechnet werden. Viele Polen hatten politisch jedoch schon resigniert und sich von diesen oft undurchschaubaren Vorgängen bereits verabschiedet.

Zwei Parteien symbolisierten dieses politische Großvorhaben, die nun regierende PiS („Recht und Gerechtigkeit“, konservativ mit klerikalen Zügen und teilweise auch in wirtschaftspolitischen Einstellungen antiliberal, gegen weitere Privatisierungen, populistische Parolen zugunsten der Durchschnittsbürger gegen die „Reichen“)  und die PO (rechts- und wirtschaftsliberal mit gewissem Akzent auf Bürgerrechten, ebenfalls mit einer Portion polnischen Nationalbewusstseins ausgestattet), die trotz Zusagen vor den Wahlen seitens der PiS nicht in eine Regierung eingebunden wurde, sondern nun in der Opposition schmort.

Bereits vor den Wahlen des Herbstes 2005 erkannte das damalige von Altkadern durchsetzte herrschende Establishment, die für seinen Bestand fundamentale Bedrohung und versuchte unter anderem mit dem Präsidentschaftskandidaten Cimoszewicz gegen die drohende Entmachtung anzukämpfen. Das endete wie die Parlamentswahlen in einem Fiasko.

Doch auch nach den Wahlen, in denen die Wähler die SLD mit 11 Prozent abstraften, wurde dieser politische Kulturkampf bis jetzt fortgesetzt. Im Zuge dieser radikalen Veränderung der politischen Landschaft vergaßen gemäß Wildstein meinungsbildende Medien die Bedrohung Polens durch die Strukturen der III. Republik. Als die PiS entgegen der Versprechungen vor den Wahlen die PO vor den Kopf stieß und mit den radikalpopulistischen und nationalistischen Parteien LPR (Liga der polnischen Familien) und Samobrona (Selbstverteidigung) die jetzige Koalition bildete, wendete sich die PO von ihrem bisherigen Kurs gegen die III. Republik ab und wurde in den Augen Wildsteins zum Teil oder Mitläufer der alten Kader, zumindest in überwiegendem Maße. Somit habe die PO (Bürgerplattform) die III. Republik von einer Bedrohung weg, hin zu einer verteidigenswerten Einrichtung verwandelt.

Allerdings nehmen inzwischen die Bestrebungen Kwasniewskis zu, wieder in die aktive Politik zurückzukehren. Das führte auch bei der PO zur Rückerinnerung an die Bedrohungen des alten Netzwerkes, das man um den ehemaligen Präsidenten Kwasniewski herum vermutet. Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Kwasniewski, um zu überprüfen woher er das Geld für teuere Immobilien hernahm. Der PO-Führer Donald Tusk distanzierte sich inzwischen wieder von der III. Republik, dem „Rywinland“, zu der er auf keinen Falle zurück wolle. Ebenso hat Jarosla Kaczynski (PiS) sofort erkannt, dass er in dem wieder auftauchenden Kwasniewski den bequemeren Gegner hätte.

Teil II folgt

Walzer und die kapitalistische Freiheit

Selten wird in deutschen Zeitungsfeuilletons eingehender über kommunitaristische Ideen berichtet, wie sie in den USA rege diskutiert und vor allem auch praktiziert werden. Bei uns gibt es den Begriff Bürgergesellschaft, der aber anders als der Kommunitarismus in den USA weniger mit Gemeinschaft im eigentlichen Sinne zu tun hat. Daher rührt auch die starke Betonung des Ausdrucks Zivilgesellschaft in Deutschland. Nicht zuletzt hat das etwas mit dem Missbrauch des Begriffes (Volks)Gemeinschaft durch die Nationalsozialisten zu tun. 

Die Kommunitaristen der USA reiben sich stark an den Liberalen (libertarians), die für deutsche Verhältnisse mehr der liberalen Sozialdemokratie und weniger den Liberalen der FDP zuzuordnen wären. Während die kommunitaristische (ethisch-konservative) Seite stark die negativen individuellen Rechte (körperliche Unversehrtheit, Schutz der Wohnung, Betonung der Familie) gegenüber dem Staat betont, setzen die Libertarians auf die individuellen Freiheiten, die sich im Selbstverwirklichungsstreben zeigen und sich – so die kritische Perspektive der Kommunitarier – auf bloße Rechtsbeziehungen zu anderen Gesellschaftsmitgliedern beschränken würden.

Das freischwebende Individuum als Schreckgespenst?

Michael Walzer wird den Kommunitaristen zugeordnet, obwohl er sich an einigen Punkten auch sehr nahe an den Libertarians bewegt. Dennoch kritisiert er die Libertarians indem er beschreibt, was ihre allzu freien, von allen Bindungen losgelösten Gedanken in der realen Gesellschaft „angerichtet“ haben. Sinn für den Menschen könne nur in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten geschaffen werden. Er spricht von vier drastisch erhöhten Mobilitäten in der amerikanischen Gesellschaft, der geographischen Mobilität, der sozialen, der Beziehungsmobilität und der politischen Mobilität, die der Bildung solcher Gemeinschaften zuwider laufen.

Geographische Mobilität

In keiner amerikanischen Gesellschaft davor wäre die geographische Mobilität des einzelnen Gesellschaftsmitglieds, somit seine Bereitschaft zum Ortswechsel aus beruflichen Gründen höher als in den heutigen USA. Ähnliches ließe sich wohl über Deutschland, besonders Ostdeutschland, sagen.

Soziale Mobilität

Entsprechendes wie für die geographische gilt für die soziale Mobilität. Hier ist zu konstatieren, wie wenige Menschen ihren Eltern in sozialem Status und Lebensstil überhaupt noch nahe stehen. An diesem Punkt ist eher eine Differenz zu Deutschland auszumachen. Ausgerechnet das Manager Magazin hat dies für die Managerelite deutlich beschrieben: „Gerade einmal 15 Prozent der Vorstandsvorsitzenden stammen aus den unteren 96,5-Prozent der Bevölkerung.“ Allerdings ist Chancengleichheit oder irgendwelche andere Gleichheit nicht das, worauf Kommunitaristen mit ihrer Kritik an der Entwurzelung der Menschen ansetzen.
Letztere ist eben nach kommunitaristischer Auffassung die Ursache für die Desintegration der Gesellschaft, die nur von unten nicht durch den Staat wieder hergestellt werden kann. Die Gemeinschaft auf lokaler Basis sei alleine in der Lage, den Menschen wieder sozialen Halt zu geben. Wer jedoch z.B. als Unternehmensberater ständig unterwegs ist, wird wenig Möglichkeiten sehen, sich stärker in örtlichen Vereinen zu engagieren, um sich und andere zu integrieren.

Beziehungsmobilität

Die Beziehungsmobilität setzt am Kern der Gemeinschaftsbildung an, den Familien. Die stark angestiegene Scheidungsrate belege die Mobilität der Individuen auch in familiärer Hinsicht. Den Nachwachsenden wird es dabei schwer gemacht, sich einem auch nur familienartigen Konstrukt von Gemeinschaft zugehörig zu fühlen. Dementsprechende Auswirkungen sind unter Umständen auf die Fähigkeit solcher Kinder zu erwarten, später den eigenen Kindern eine familiäre Gemeinschaft zu bilden, die sich den Kommunitariern als Nukleus darstellt. Denn von der familären Gemeinschaft vergrößert sich der  Kreise bis hin zu  größeren lokalen Gemeinschaften.

Letztendlich haben die drei beschriebenen Mobilitäten auch Auswirkungen auf eine vierte, die politische, Mobilität. Sie wird sichtbar an einer stark gelockerten Parteibindung bis hin zur beständigen Wechselhaftigkeit in der politischen Haltung, sofern von einer solchen überhaupt noch etwas zu sehen ist. Die Menschen entscheiden sich, falls sie sich noch mit Politik befassen, in der Mehrheit lediglich situationsbedingt für politische Parteien oder Bewegungen.

Ist nun die Einbettung in eine wie auch immer geartete Gemeinschaft das entscheidende Kriterium für eine den Menschen zufriedenstellende oder gar glückliche Existenz? Möglicherweise hilft hier der Blick auf die Kehrseite der Medaille solcher stark integrierten Gemeinschaften der USA. Mitunter tritt als weniger beglückende Erscheinung eine repressive Sozialmoral auf, die erbarmungslos alle Formen der Abweichung von der herrschenden Moral, alle Formen von Individualität verfolgte und bekämpfte.

Dennoch ist die Diagnose Walzers nicht ganz von der Hand zu weisen, wonach unter den neuen sozialstrukturellen Bedingungen den Menschen mehr zugemutet wird als sie bewältigen können. Die soziale Freisetzung von überkommenen Rollenerwartungen, die ökonomisch ermöglichte Erweiterung individueller Optionsspielräume und schließlich die kulturelle Erosion von vergemeinschaftenden Sozialmilieus hat insgesamt dem Einzelnen gegenwärtig ein stetig wachsendes Maß an biographischen Eigenleistungen abverlangt. Ein Ende dieser gesteigerten Erwartungen ist in Zeiten von Hartz IV in Deutschland auf dem ersten Blick nicht absehbar. Doch dieser trügt unter Umständen. Gleichzeitig werden nicht nur in der Bundesagentur für Arbeit mit zusätzlichem Budget Überlegungen angestellt, wie dem zu helfen ist, der bisher den Sprung, in die Gesellschaft von selbstbestimmten und sich selbst versorgenden Menschen – um es einmal positiv zu wenden – noch nicht geschafft hat.

Solche unterstützenden Maßnahmen sind auch dringend notwendig, da offensichtlich die Schulen versagt haben. Es ist nicht gelungen, einen großen Teil der Schüler auf das vorzubereiten, was sie nach dem Verlassen der Schulen erwartet. Bis jetzt ist in dieser Hinsicht der Nachholbedarf unserer Bildungseinrichtungen groß.

Literaturhinweis:

 Einzelne Ausgangsgedanken sind dem Beitrag Axel Honneths „Individualisierung und Gemeinschaft“ entnommen, in Zahlmann, Christel: Kommunitarismus in der Diskussion, Berlin 1992

Blogger und die Scheißhäuser

Einige Anmerkungen zur deutschen Blogosphäre

In der Blogosphäre hat der Ausspruch von Alpha-Journalist Hans-Ulrich Jörges (Stern) – „Die guten Redaktionen sollten ihre Siele geschlossen halten, damit der ganze Dreck von unten nicht durch ihre Scheißhäuser nach oben kommt“  einige Diskussionen hervorgerufen. So viel Arroganz darin auch zum Ausdruck kommen mag, so sollte der Satz doch auch nachdenklich machen. Zumal ich bei donvanone  eine Art geistige Selbstentblößung eines „Alpha“-Bloggers lesen durfte.

Letztlich kommt hier deutlich zum Ausdruck wie irrelevant – gesellschaftlich, politisch und vor allem „(medien)wirtschaftlich“ – die Blogger als Gesamtheit in Deutschland sind; obwohl sich nicht wenige von ihnen gerne als kritische Keimzelle einer neuen kritischen Gesellschaft verstehen möchten.

Alpha-Blogger kann man nach donvanone also werden, indem man zwar Belanglosigkeiten von sich gibt, diese aber mit gerade tagesaktuellen Ereignissen koppelt und die Beiträge dann mit den Blogs anderer Alpha-Blogger verlinkt; förderlich sei dabei noch, bekannte Blogger zu beleidigen, damit die Resonanz um so größer ausfällt.  Andere greifen das mehr oder weniger ironisch auf.

Wohin führt das? Zum einen werden wirklich kritische Menschen davon abgeschreckt, sich mit einer derartigen Blogosphäre einzulassen, sich länger mit ihr zu beschäftigen. Irgendwann werden sicher auch deutsche Blogger den Anschluss an die USA, Frankreich und andere kritischere „Blogländer“ schaffen. Nur rollt derzeit noch ein Großteil dieser deutschen Blogosphäre dieser erstrebenswerten Entwicklung viele Steine in den Weg. Jörges hat somit durchaus den Nerv einiger Leute getroffen, denen nicht viel mehr einfällt als kurz aufzujaulen und dann weiterzuwursteln wie bisher.

Abschaffung des Kapitalismus oder der Investivlohn

Aus aller Munde erschallt der Ruf nach einem Investivlohn. Nur nach welchem? Während die SPD einen Deutschlandfonds auflegen will, sieht das Konzept der CDU eine individuellere Beteiligung vor. Die Wirtschaft legte nach und fordert ein ausschließlich auf Freiwilligkeit der Beteiligung basierendes Konzept. Brauchen wir überhaupt einen Investivlohn?

Doppeltes Risiko

Von der CDU wird den Arbeitnehmern zugemutet, neben den Verlust des Arbeitsplatzes auch noch ihr in die Firma investiertes Kapital zu verlieren. Im Klartext formuliert geht es nach mehrjähriger Betriebszugehörigkeit dann mitunter um einige zehntausende Euro. Kein vernünftig denkender Arbeiter wird den Erhalt und die Rendigte seiner Ersparnisse von der (Un-)Fähigkeit seines Chefs abhängig machen wollen. Davon abgesehen kann jedes Unternehmen in Zeitalter rasanten technologischen Wandels plötzlich ins Hintertreffen geraten, weil die Konkurrenz innovativer und billiger geworden ist. Warum sollen das dann die von Arbeitslosigkeit Betroffenen doppelt ausbaden? Der Gedanke die Mitarbeiter stärker an das Unternehmen zu binden, ist unter dem Aspekt der Freizügigkeit der Arbeitnehmer andererseits wieder illiberal. Motivieren kann man die Mitarbeiter besser durch direkte Erfolgsausschüttungen bei hohen Gewinnen.

Bürokratische Tradition der SPD

In ihrem traditionellen Glauben an staatliche Steuerung verhaftet, will die SPD nun einen Deutschlandfonds auflegen. Das Bürokratiemonster ist schon absehbar. Zudem bahnt sich eine Diskriminierung der Betriebe an, die man an dem Deutschlandfonds nicht gut beteiligen kann; den Familienbetrieben im Handwerk und im Einzelhandel wie auch die mittelständischen GmbHs, da das GmbH-Recht dazu sehr kompliziert ist. Ist hier DIE LINKE mit der Forderung liberaler, den Menschen das Geld gleich als Lohnerhöhung direkt in die Hand zu drücken? Jedenfalls würde damit das Ziel verfehlt werden, den Menschen ein Zusatzeinkommen aus Vermögen zu beschaffen.

Wirtschaft pocht auf Freiwilligkeit

Nachdem die Großkoalitionäre schon dabei sind, unter ihrer Treibhausglocke in Berlin ein Zentralkonzept für Deutschland zu entwickeln, meldet sich auch noch die Wirtschaft zu Worte. Sie betont zurecht, dass es den Menschen, Arbeitnehmern wie Unternehmern, überlassen werden müsse, ob sie sich an einem wie auch immer gearteten Modell beteiligen. Zwangsbeglückung für alle lehnen die Unternehmer zurecht ab. Implizit würde ein solcher Zwang einer Teilenteignung von Unternehmensbesitz gleichkommen. Die freiwillige Beteiligung könne attraktiver gestaltet werden, indem die Besteuerung dieser Beteiligungen vorgenommen wird, wenn die Arbeitnehmer sie z.B. im Rentenalter sukzessive verkaufen.

Deutsche Illusion eines harmonischen Miteinanders in den Unternehmen

Niemand sollte sich von Investivlohnmodellen dahingehend blenden lassen, dass eine „gemeinsame Unternehmensführung von Firmenleitung und Angestellten“ bewirkt werden könnte. Betriebsräte haben wir bereits. Trotzdem werden jetzt wie in Zukunft die Entscheidungen von denjenigen gefällt werden, die ihren Kopf und/oder ihr Geld damit riskieren. Das werden auch in Zukunft die Haupteigentümer und nicht die Angestellten sein.

Grundlegende Reform in kapitalbasierter Moderne

Will man den neuen bzw. sich verstärkenden kapitalbasierten Strukturen in einer globalisierten Wirtschaft gerecht werden, sollte zuvor das Gesellschaftsrecht reformiert werden. Personengesellschaften wären in kleine Familien-AGs oder Kleinst-AGs umzuwandeln. Ebenso ist es sinnvoll, eine Art GmbH-AG einzuführen.
Die Veränderung bestünde lediglich darin, dass alle Unternehmen ihre Betriebswerte ausweisen und in Aktienanteile splitten, die dann zu einem gewissen Prozentsatz freiwillig in den Deutschlandfonds eingebracht werden können.
Diese Neuerungen müssten begleitet werden von einfachsten Bilanzierungs- und Transparenzvorschriften als Bedingung für Beteiligung an diesem durchaus reizvollen Deutschlandfonds, den man sogar in Unterfonds aufteilen könnte. Der angenehme Nebeneffekt bestünde hier darin, dass mit den klareren Bilanzierungs- und Transparenzvorschriften die kleineren Unternehmen so leichter an Bankkredite kommen könnten.

Identität mit dem eigenen Land als Ausgleich zur Globalisierung

Ein Deutschlandfonds hat die sehr sinnvolle Wirkung einer gestärkten deutschen Identität, die jedoch nicht nur auf der Wirtschaft beruhen kann. Da die Bürger sonst nur noch von den Risiken der Globalisierung lesen und Hören, bekommen sie hier die Möglichkeit, sich wieder auf die eigenen Kräfte zu stützen und positiv auf die Zukunft unseres Landes zu blicken und in sie zu investieren. Das Argument, wonach es provinziell wäre, sein Geld in einen Deutschlandfonds zu investieren greift zu kurz. Hierbei wird völlig ignoriert, wie stark sogar teilweise Familienunternehmen jenseits der deutschen Grenzen bis nach Asien hinein international agieren.

Begründung für Investivlohn

Politikern geht es eher populistisch um die zunehmende Einkommensdifferenz zwischen Selbständigen und Angestellten, zwischen Managern und Arbeitern. Dabei wird aber etwas viel wichtigeres in der Diskussion gar nicht oder nur am Rande erwähnt:
In Zeiten – und diese dauern schon lange an, in denen die Gewinne der Wirtschaft anteilsmäßig immer weniger vom Faktor Arbeit erwirtschaftet werden, dagegen mehr von eingesetzter Software, Anlagentechnik von Industrierobotern und somit dem dahinterstehendem Kapital, ist es nur eine Erfordernis der fortschreitenden Moderne, alle Menschen an diesem Kapital zu beteiligen.

Sturz des Kapitalismus oder Sturz des Sozialismus?

Eine Nebenwirkung wird von Gewerkschaftlern und einigen linken Politikern mit Argwöhnen betrachtet: Es gibt bald keinen Arbeiter und kleinen, bedrohten Angestellten mehr, für den sie sich einsetzen könnten, wenn diese ein relativ hohes zusätzliches Einkommen aus Kapitalbeteiligungen haben. Nur zur Veranschaulichung: Investiert ein Angestellter nur 50 Euro über 45 Jahre für sich oder seine Kinder bei einer durchschnittlichen Firmenrendite von 8 Prozent, ergibt das 233.000 Euro Kapital, ohne Einbeziehung von Lohnerhöhungen. Anders betrachtet fällt die Arbeiterbewegung ihrem Erfolg der letzten 150 Jahre zum Opfer. Aus ausgebeuteten Arbeitern werden Kapitaleigner mit einem komfortablen Lebensstandard aufgrund des zusätzlichen Kapitalvermögens. Leider wenden sich diese mangels entsprechender Bedürfnisse vom Kampf für den Sozialismus ab. Oder sollte man sagen, der Kapitalismus wird abgeschafft und der Sozialismus eingeführt, weil das Produktivkapital „wie in der DDR“ in den Händen aller liegt?

Gewinn ohne Risiko (FAZ)

Wirtschaft fordert freiwillige Mitarbeiterbeteiligung
(Spiegel)

Investivlohn (Wikipedia)

Verdi zum Investivlohn

Teueres Vergüngen (zeit.de)

Studie zum Investivlohn (Landtag von NRW)

Video des ZDF zum Investivlohn:

Streit um Deutschlandfonds (Manager Magazin; Druckversion, Aufforderung zum Drucken verneinen)

Einfach dargestelltes graphisches Kreislaufmodell: Investivlohn (Universität Bayreuth)

Verwendung des Investivlohns (Graphik, Universität Bayreuth)

Investivlohn – Jetzt oder nie! (SZ)

Vergleich Union SPD:
Einer für alle – oder viele für manche? (Spiegel; Druckversion, Aufforderung zum Drucken verneinen)